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Mutmacher

Glauchau: So nah an der Jugend kann eine Stadt sein

Nominiert für den Sächsischen Demokratiepreis: Die Stadtverwaltung Glauchau

Von Simone Rafael
Gute Arbeit gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus hat viele Gesichter – wir stellen Ihnen 15 ausgewählte Projekte vor, die für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert sind. Projekt XIV: In der Glauchau bestimmen 14- bis 24-Jährige mit, wie ihre Stadt in Zukunft aussieht.
Von außen ist die Stadtverwaltung Glauchau, neben dem historischen Rathaus am pittoresken Markt der 21.000-Einwohner-Stadt gelegen, eine ganz normale Stadtverwaltung. Einen ersten Unterschied sieht die Besucherin allerdings im Fahrstuhl. „Spielzimmer“ steht dort neben den üblichen Vewaltungsbereichen. Spielzimmer? „Da können Eltern ihre Kinder kostenlos betreuen lassen, wenn sie Behördengänge machen oder kleine Einkäufe in der Stadt“, sagt Ute Albani, Stadtjugendpflegerin und Leiterin des „Teams Zukunft“ der Stadtverwaltung. Glauchau nimmt Familienorientierung und Jugendbeteiligung ernst. So ernst, dass hier die Jugendlichen ihre Geschicke auf politischer Ebene mitbestimmen.

Kindermitbestimmung gibt es hier seit Jahren
Denn seit im Jahr 1994 in Glauchau die Unicef-Kindertour Station machte und der Oberbürgermeister versprach, in der im Durchschnitt recht alten und schrumpfenden Stadt Glauchau etwas für Kinder- und Jugendliche zu tun, nahmen ihn die engagierten Mitarbeiter der Jugendarbeit beim Wort. Schon 1996 richtete die Stadt einen Jugendstadtrat ein, der aus sechs Stadtratsmitgliedern und fünf Jugendlichen besteht, die alle fünf Jahre von allen 14- bis 24-jährigen Glauchauern gewählt werden. Der Jugendstadtrat hat als beschließender Ausschuss Einfluss auf alle Belange der Kinder- und Jugendarbeit. „Das läuft nicht immer reibungslos“, sagt Ute Albani, „aber wir stärken den Jugendlichen den Rücken, wenn es Konflikte gibt.“
 
Der Markt von Glauchau. Hier wird bald noch mehr Demokratie gemacht.
Der Markt von Glauchau. Hier wird bald noch mehr Demokratie gemacht.

Viel zu tun für jugendliche Mitbestimmer
Neben der Sitzungsarbeit, bei der es um Kinder- und Jugend-Angelegenheiten von Schule bis Freizeitgestaltung geht, ist der Jugendstadtrat Anlaufstelle für Wünsche und Probleme der Jugendlichen und stößt zahlreiche Projekte an – von Frühjahrsputz-Aktionen über Papierkorb-Gestaltung durch Graffiti bis zu Weihnachtsmärchen und Jugendkulturtagen. Aktuell gab es etwa viel Vandalismus an Bushaltestellen. Scheiben wurden eingeworfen. Repariert wurde notdürftig mit Kapak-Platten, die jetzt auf Initiative des Jugendstadtrats farblich gestaltet werden. Das fand im Stadtrat Anklang, denn die Platten sind hässlich. Dass die Kinder dem Projekt den Arbeitstitel „Der Busse“ gegeben haben, führte dagegen zu Diskussionen. „Dann versuche ich, zwischen Jugendsprache und Stadtratssprache zu übersetzen“, sagt die 42-jährige Stadtjugendpflegerin.
 
Obwohl viel Arbeit auf die 14 bis 24 Jahre alten Mitglieder zukommt, hat es an Bewerbern noch nie gemangelt. Das hat seinen Grund ohne Zweifel auch darin, dass Glauchau seine Kinder und Jugendlichen schon seit Jahren ernst nimmt und unterstützt. Es gibt – nach Wunsch und Bedarf der Jugendlichen – 9 Jugendclubs in der Stadt, 30 Spielplätze, Jugendstadtteilfeste und ein Clubkino, dass die Jugendlichen sich wünschten, eine Fahrradcross-Strecke mitten in der Stadt. „Seitdem turnen auch keine Kids mit ihren Rädern mehr auf den Rathshoftreppen herum und es werden keine Omis mehr umgefahren“, sagt Ute Albani und lacht.
 
Die gute Situation in Glauchaus ist auch ein Ergebnis guter Arbeit gegen Rechtsextremismus: Glauchau war vier Jahre lang eine Modellkommune des Bundesprogrammes „CIVITAS – Initiativ gegen Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern“. Zu Programmbeginn 2001 ist die Situation in der Stadt nicht ganz einfach. „Es gab eine feste rechtsextreme Szene, eine feste linke bis linksextreme Szene und viele Aussiedlerkinder“, sagt Albani, „es gab so viel Stress und Gewalt.“ Dank der Unterstützung von CIVITAS konnte die Stadtverwaltung rund 60 Projekte für Demokratie und Toleranz anstoßen. „Und vieles, was damals entstand, gibt es immer noch“, sagt Albani stolz, „die Nachhaltigkeit ist also wirklich gegeben.“ Heute säßen ein Drittel der ehemaligen Rechtsextremen im Gefängnis, ein Drittel hätte sich gefangen und führe ein normales Leben: „Und das letzte Drittel kriegt in Glauchau keinen Fuß mehr auf den Boden.“ So hat sich bisher etwa noch kein Rechtsextremer getraut, für den Jugendstadtrat zu kandidieren.

Gemeinsam für die Zukunft arbeiten 
Auch im Rathaus hat übrigens die langjährige Auseinandersetzung mit Demokratie- und Projektarbeit Spuren hinterlassen: Statt Arbeitsbereiche wie das Schulamt, die Jugendpflege und den Sozialbereich zu trennen, arbeiten sie hier als „Team Zukunft“ zusammen. „Es bedarf einer größeren Abstimmung“, sagt Ute Albani, „aber dafür gehen weniger Informationen verloren. Und es werden viel mehr Ideen Realität, die nur übergreifend realisiert werden können.“ Dass für sie selbst der Job zur Berufung geworden ist, ist im Gespräch deutlich zu spüren. „Ach“, winkt sie etwas verlegen ab, „ich mache das, weil es mir Spaß macht. Ich kann so deutlich sehen, wo wir etwas verändern. Und freue mich über die Dankbarkeit der Kinder.“

Kontakte zwischen den Generationen 
Für die Zukunft ist das der engagierten Jugendpflegerin aber noch lange nicht genug. Ihr neuestes Projekt: Ein „Kinder- und Jugendbüro“ soll her. „Wir wünschen uns doch, dass die Jugendlichen in Glauchau bleiben“, sagt Albani, „deshalb sollen sie auch aktiv an der Gestaltung der Stadt beteiligt sein!“ Das meint sie so praktisch, wie es klingt: Die Jugendlichen sollen mitbestimmen können, wie Spielplätze gestaltet werden, wo Radwege verlaufen, wie Brachflächen neu genutzt werden, wie die Stadt behindertenfreundlicher und ökologischer gestaltet werden könnte – kurz, wie das Gesicht der Stadt in Zukunft aussieht. Das neue Kinder- und Jugendbüro soll diese Beteiligung ermöglichen. Kinder und Jugendliche sollen durch Befragungen, Fotoreportagen oder Videostreifzüge bisherige Schwachstellen aufdecken und Verbesserungsvorschläge entwickeln. Mit solchen Beteiligungsprojekten hat das Team von Ute Albani gute Erfahrungen gemacht. „Man sollte nur nicht mit zu festen Erwartungen in so einen Prozess eintreten“, sagt sie schmunzelnd, „wir haben auch schon eingeladen, um die Gestaltung eines Skaterparks zu besprechen und am Ende hatten wir eine Fahrrad-Cross-Strecke.“
 
Das „Kinder- und Jugendbüro“ soll es auch praktisch geben: Räume direkt am Markt, also in unmittelbarer Nähe des Rathauses, sind schon gefunden und können ab Januar 2008 bezogen werden. Dort wird nicht nur der Jugendstadtrat Beteiligung anregen – es gibt in Glauchau nämlich auch ausgefeilte Projekte zur Erwachsenen- und besonders zur Senioren-Beteiligung. „So entsteht zugleich ein Mehrgenerationenhaus, das die Beziehungen zwischen den Menschen verschiedenen Alters intensivieren soll“, sagt Albani. So viel gelebte Demokratie wie in Glauchau ist wirklich eine Seltenheit – und wäre definitiv einen Sächsischen Förderpreis für Demokratie wert, der am 9. November gemeinsam von der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden, der Freudenberg Stiftung und der Amadeu Antonio Stiftung vergeben wird.
 
Mehr im Internet:
Sächsischer Förderpreis für Demokratie:
www.demokratiepreis-sachsen.de
Zur Arbeit der Netzwerkstelle Glauchau (2004-2006):
www.nws-glauchau.de

Mehr auf mut-gegen-rechte-gewalt.de:

80 x Mut in Sachsen

Nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2007:

  1) Aktion Zivilcourage Pirna
  2) arche noVa e.V., Dresden
  3) Bürgerbündnis für Menschenwürde, Mittweida
  4) Buntes Leben, Freiberg
  5) Hatikva e.V., Dresden
  6) Jugendforum Chemnitz
  7) Gruppe KLARA, Dresden
  8) Kreativhaus, Dresden
  9)  Landesjugendpfarramt Sachsen, Leipzig 
10)  Netzwerk für Demokratische Kultur, Wurzen
11) Oberlausitz - Neue Heimat e.V., Löbau
12) Schulmuseum, Leipzig
13) Sprungbrett e.V., Riesa
14) Stadtverwaltung Glauchau
15) Treibhaus e.V., Döbeln

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Rechts Ute Albani vom \"Team Zukunft\" der Stadtverwaltung Glauchau