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Mutmacher

Pirna: Ideenschmiede gegen rechten Stumpfsinn

Nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie: Aktion Zivilcourage Pirna e.V.

Von Simone Rafael

Gute Arbeit gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus hat viele Gesichter – wir stellen Ihnen die 15 ausgewählten Projekte vor, die für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2007 nominiert sind. Hier: Die Aktion Zivilcourage Pirna prägt mit Kultur für Jugendliche „kontinuierlich Szene“ – und hat damit das Klima ihrer Stadt verändert.

Eine Horrorvorstellung: Bei jeder nicht-rechten Party tauchen Rechtsextreme auf, um Besucher zu drangsalieren und zusammenzuschlagen. Wer erkennbar anders lebt, den besucht auch mal ein Trupp von dreißig Kameraden der Skinheads Sächsische Schweiz zu Hause. Und die Erwachsenen sagen: Das stimmt doch gar nicht, was ihr erzählt. Ende der 1990er Jahre gab es in Pirna für Jugendliche nur zwei Alternativen: Wegziehen aus Angst – oder aus der Ohnmacht aktiv werden. „Es sind sehr viele weggezogen“, erzählt Sebastian Reißig, „und wir übrigen saßen am Tisch wie eine verschüchterte Selbsthilfegruppe. Dann beschlossen wir, unsere Situation öffentlich zu machen.“ Eine Einladung zum Gespräch am Runden Tisch wird an alle Meinungsbildner in Pirna versandt. Weil die Jugendlichen sich nicht trauen, mit ihren Namen zu unterschreiben – schließlich wählen in Pirna auch 7 Prozent der Erwachsenen NPD -, nennen sie sich „Aktion Zivilcourage Pirna“. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte in einem schwierigen Umfeld.

Sebastian Reißig von der Aktion Zivilcourage Pirna
Sebastian Reißig von der Aktion Zivilcourage Pirna

Netzwerken für den Erfolg
Wer Pirna besucht, mag es zunächst nicht glauben, dass die 40.000-Einwohner-Stadt im Zentrum eines der rechtsextremsten Landkreise Deutschlands liegt. Pirna ist pittoresk, hutzelige Mittelalterhäuschen schmiegen sich in der Innenstadt aneinander, die Ladengeschäfte sind alle vermietet, die Wege und Grünanlagen liebevoll gepflegt. Über der Stadt thront Schloss Sonnenstein, eine mittelalterliche Burg, deren bemitleidenswerter architektonischer Zustand sich aus der Ferne nicht erschließt. Ihre unrühmliche Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus ist im Straßenbild erkennbar: Schlanke Glasstelen weisen vom Bahnhof bis zur Burg darauf hin, dass auf Schloss Sonnenstein zwischen 1940 und 1941 rund 15.000 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion „T4“ in der Gaskammer umgebracht wurden. „Bis 1989 wussten viele Einwohner von Pirna das nicht“, erzählt Sebastian Reißig, einer der zwei hauptamtlichen Mitarbeiter der Aktion Zivilcourage, „zu DDR-Zeiten gab es kein Gedenken an die Opfer der Euthanisie-Verbrechen in Pirna.“ Die Stelen sind auf Initiative des Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e. V. in die Stadt gekommen – zu dem selbstredend auch Mitglieder der Aktion Zivilcourage Pirna gehören. Das Netzwerken haben die jungen Leute in den zehn Jahren, die es die Aktion Zivilcourage nun gibt, gelernt und verinnerlicht.


In diesem schönen Renaissancebau wird in Pirna Demokratie
gemacht


Aus Selbsthilfe entwickeln die Jugendlichen ein neues Lebensgefühl
Viel hat sich in Pirna getan seit dem ersten Runden Tisch, bei dem den Jugendlichen Reaktionen zwischen Unverständnis, Angst um die Tourismusregion und Bestürzung entgegengebracht wurden. Am Anfang war die Jugendinitiative ein Mittel zur Selbsthilfe: Es gab eine Notfall-Telefonnummer für Jugendliche, „denn die Stimmung vieler Jugendlicher war: Es ist Quatsch, bei der Polizei anzurufen, die kommen eh nicht.“ Die Medien schrieben nichts über Rechtsextremismus und präsentierten die NPD als rechten Flügel des demokratischen Spektrums. Erst eine Demonstration 2001 brachte eine Veränderung. Die Aktion Zivilcourage suchte sich Verbündete, warb für dieses öffentlichkeitswirksame Signal gegen Rechts bei Vereinen und Verbänden vor Ort. Mit Erfolg, 800 Menschen kamen zur Demonstration – die von 80 Neonazis angegriffen wurde, während 27 hilflose Polizisten die Situation nicht in den Griff bekamen. „Da haben auch die Erwachsenen kapiert: Dieses Problem ist real.“ Der DGB stellte den Jugendlichen Räume zur Verfügung. Jetzt konnten sie ihre Aktionen besser planen: Alternativdisko, Ausstellungen oder Theaterstücke organisieren, Aufklärungsmaterialien erstellen oder Gedenkstättenfahrten planen. Im Jahr 2002 kam mit einem neuen Bürgermeister auch die Neuausrichtung der Stadtverwaltung. „Heute kann jeder bei der Polizei anrufen“, sagt der Sebastian, „der Polizeichef gibt die Maxime aus: Angstfreie Räume für das Engagement für Demokratie zu schaffen.“ Auch bei den Medien hat sich einiges geändert: „Heute recherchieren die Redakteure sogar selbst und ich erfahre manches wirklich aus der Zeitung“, sagt Sebastian und lacht.


Johannes ist der zweite feste Mitarbeiter der Aktion Zivilcourage

Kontinuierliche Kreativität
Bewirkt hat die Aktion Zivilcourage diesen Klimawandel durch kontinuierliche Arbeit gemäß den Bedürfnissen der nicht-rechten Jugendlichen vor Ort. Der Verein hat heute rund 50 Mitglieder zwischen 14 und 59 Jahren. Jeden Mittwoch trifft sich das Plenum, um Aktionen zu planen und umzusetzen, einmal im Monat gibt es thematischen Input, „zu dem auch interessierte Klassenkameraden jederzeit willkommen sind“, wie Johannes Enke, der zweite Hauptamtliche der Aktion Zivilcourage, betont. Ohne das ehrenamtlich Engagement – und zwei FSJlerinnen - wäre die vielfältige Arbeit nicht zu schaffen. Nach Details gefragt, fallen Sebastian und Johannes die großen Erfolge der letzten Jahre ein: Die Aktion Zivilcourage hat die „Anne Frank“-Ausstellung in die Stadt geholt und ein Rahmenprogramm mit 20 Ehrenamtlichen organisiert, so dass 2000 Schülerinnen und Schüler die Ausstellung gesehen und dazu gearbeitet haben. Der letztjährige „Markt der Kulturen“, ein Fest der Vielfalt mit Ständen und Kulturprogramm, hatte 6000 Besucher. Zur Alternativdisko kommen um die 500 Jugendliche, bei Bandfestivals gibt es bis zu 2000 Gäste – „so prägen wir kontinuierlich Szene“, sagt Sebastian, „wir geben Jugendlichen, die nicht rechts sein wollen, Orte und Zusammenhalt.“ Allerdings sind es auch die kleineren Aktionen, die Sebastian und Johannes mehr im Vorübergehen auf Nachfrage erwähnen, die den Charme der Aktion Zivilcourage zeigen. Wie die Unterstützung der Spur aus 15.000 bunten Kreuzchen, die sich durch die Stadt zieht und ebenfalls an die in Schloss Sonnenstein ermordeten Menschen erinnert – von lokalen Jugendlichen gemeinsam mit geistig behinderten Jugendlichen gemalt. Oder die fantasievollen Aufkleber, die an die Bürotür gepinnt sind. „Das sind Prototypen, wir haben zu einem Aufkleberwettbewerb aufgerufen“, sagt Sebastian, „im Moment gibt es so viele Naziaufkleber in der Stadt, da wollen wir gute Aufkleber dagegen produzieren, mit denen wir sie überkleben können.“


Ein Beitrag des Aufkleber-Wettbewerbs gegen Neonazi-
Aufkleber


Die Arbeit ist noch lange nicht getan
Denn vor einem kann man nicht die Augen schließen: Bezogen auf den Rechtsextremismus hat sich die Situation nur bedingt gewandelt. „Die Gewalt gegen Menschen hat abgenommen – kommt aber immer noch vor“, sagt Sebastian. Regelmäßig werden Veranstaltungsplakate zerstört, die auf nicht-rechte Aktivitäten hinweisen. Die Mitglieder der Kameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz, die 2001 verboten wurde, sind alle noch vor Ort aktiv. Die NPD hat im Landkreis Pirna ihren agilsten Kreisverband Deutschlands – und starken Aufwind durch ihren Einzug in den Landtag 2004 bekommen. Aber dank des Engagements der Aktion Zivilcourage verschließen in Pirna die Entscheidungsträger die Augen nicht mehr – und das wäre definitiv einen Sächsischen Förderpreis für Demokratie wert, der am 9. November gemeinsam von der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden, der Freudenberg Stiftung und der Amadeu Antonio Stiftung vergeben wird.

Mehr im Internet:
Sächsischer Förderpreis für Demokratie:
www.demokratiepreis-sachsen.de
Aktion Zivilcourage Pirna:
www.zivilcourage-pirna.de
Informationen zu den Glasstelen:
www.denkzeichen.de

Mehr auf mut-gegen-rechte-gewalt.de:

80 x Mut in Sachsen

Nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2007:

  1) Aktion Zivilcourage Pirna
  2) arche noVa e.V., Dresden
  3) Bürgerbündnis für Menschenwürde, Mittweida
  4) Buntes Leben, Freiberg
  5) Hatikva e.V., Dresden
  6) Jugendforum Chemnitz
  7) Gruppe KLARA, Dresden
  8) Kreativhaus, Dresden
  9)  Landesjugendpfarramt Sachsen, Leipzig 
10)  Netzwerk für Demokratische Kultur, Wurzen
11) Oberlausitz - Neue Heimat e.V., Löbau
12) Schulmuseum, Leipzig
13) Sprungbrett e.V., Riesa
14) Stadtverwaltung Glauchau
15) Treibhaus e.V., Döbeln

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Mitglieder der Aktion Zivilcourage Pirna