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Preiswürdiges Engagement für Demokratie

Die Botschafterinnen und Botschafter für Demokratie und Toleranz 2013 © BfDT

Zum Geburtstag des Grundgesetztes wurden in Berlin die Botschafter für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Auch Mut gegen rechte Gewalt ist dabei.

Von Ulla Scharfenberg

Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde gestern bereits zum 12. Mal vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt“ (BfDT) verliehen. Im feierlichen Ambiente des „Delphi Filmpalasts“ in Berlin wurden mutige Menschen für ihr Engagement gewürdigt. Stellvertretend für die über 20 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich für Zivilgesellschaft und Demokratische Alltagskultur einsetzen wählte eine Jury fünf Preisträger aus, die von nun an den Titel „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ tragen.

Die Preisträger

AKuBiZ e.V. Sächsische Schweiz
Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Sächsische Schweiz (AKuBiZ) wurde 2001 gegründet, um dem rechtsextremen Mainstream in der Region etwas entgegenzusetzen. Ursprünglich als Alternative und Rückzugsraum für nichtrechte Jugendliche ins Leben gerufen, engagiert sich das AKuBiZ bis heute gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Chauvinismus. Neben Vorträgen und Seminaren, Musikveranstaltungen und Kulturfesten, Fußballturnieren und einer Wanderung auf den Spuren „roter Bergsteiger“ bieten die ehrenamtlich Tätigen auch Beratung und Unterstützung für Opfer rechter Gewalt an. Das herausregende Engagement wurde zwar vielfach ausgezeichnet, stößt aber auch seit Anbeginn immer wieder auf Widerstand – nicht selten gelten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen als „Nestbeschmutzer“ in der Region oder werden gar als „Linksextreme“ diffamiert.

Waltraud Klingbeil – Zivilcourage im Dorf Insel

„Eine kleine Frau mit großem Herzen“ hieß es bei der Preisverleihung in Berlin. Die 71jährige lebt seit 40 Jahren in Insel, einem Ortsteil von Stendal in Sachsen-Anhalt. Das Dorf erhielt überregionale Beachtung, als 2011 zwei ehemalige Sexualstraftäter nach ihrer Entlassung aus der Sicherungsverwahrung hierher zogen. Bürgerinnen und Bürger riefen sogleich eine Initiative ins Leben, um sich gegen die Neubürger zur Wehr zu setzen. Es dauerte nicht lange, bis sich auch Neonazis der wütenden Einwohnerschaft anschlossen, um den Protest für sich zu instrumentalisieren. Die öffentliche Distanzierung fiel schwach aus, der Bürgermeister selbst begrüßte Neonazis bei ihren gruseligen Ausmärschen. Waltraud Klingbeil wollte das nicht hinnehmen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – diesen Grundsatz nimmt Waltraud Klingbeil beim Wort. Sie suchte den Kontakt zu den beiden Neubürgern und handelte dabei aufgrund ihrer menschlichen Überzeugung, nicht als Vertreterin einer Partei oder Interessensgruppe. Öffentliche Anfeindungen, sogar Morddrohungen waren die Folge, aber Waltraud Klingbeil lässt sich nicht beirren. Ein herausragendes Beispiel gelebter Menschlichkeit und Zivilcourage, ein Vorbild für uns alle.

Malteser Migranten Medizin (MMM) am Marienhospital Darmstadt

Die Malteser Migranten Medizin (MMM) setzen jede Woche ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Rassismus. Immer mittwochs erhalten Menschen, die in prekären Arbeits- und / oder Aufenthaltsverhältnissen leben kostenlose medizinische Versorgung – ohne Krankenversicherung und auf Wunsch anonym. Ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte, sowie zahlreiche Helferinnen und Helfer untersuchen und beraten in der MMM-Praxis in Darmstadt wöchentlich rund 15 Patientinnen und Patienten. Die Praxisräume und die Medizintechnik werden vom Darmstädter Marienhospital gestellt, dennoch fallen hohe Kosten an, die zum großen Teil aus Spendengeldern finanziert werden. Dass der Zugang zu medizinischer Versorgung ein Grundrecht ist, heißt leider nicht, dass er auch jedem offen steht. Die Arbeit der MMM will hier Abhilfe schaffen. Bundesweit konnte in den letzten zehn Jahren über 70.000 Menschen geholfen werden. Fehlende Deutschkenntnisse sind für die Patienten kein Hindernis. Dolmetscherinnen und Dolmetscher helfen ebenso, die Barriere zu überwinden, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MMM, die über Fremdsprachenkenntnisse verfügen.

Ismail Öner – „MitternachtsSport Spandau“

Ismail Öner holt die Jugendlichen buchstäblich von der Straße. 2007 gründete er den Verein „MitternachtsSport Spandau“. In den sozialen Brennpunkten Berlin-Spandaus öffnet er jeden Freitag zwischen 21:30 und 3:00 Uhr Sporthallen und bietet kostenlose Sportangebote an. Fußball steht dabei im Mittelpunkt, aber den Jungs und Mädchen stehen auch alle anderen Möglichkeiten offen. 80 % der Jugendlichen, die das Angebot von „MitternachtsSport“ nutzen, haben einen Migrationshintergrund. Ismail Öner ist für die Kids dabei mehr als nur ein Sozialarbeiter. Er hat stets ein offenes Ohr für die Probleme der Jugendlichen, ob in der Schule, im Freundeskreis oder in der Familie. Auch außerhalb der Trainingszeiten sind der Verein und Ismail Öner Anlaufstelle in jeder Lebenslage. Ismail Öner hält kontinuierlich Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern und unterstützt die jungen Menschen bei der Suche nach Ausbildungsplätzen. Im Sport lernen die Jugendlichen Respekt und Teamgeist. Toleranz wird wirklich gelebt, wenn mehrere hundert Jugendliche gemeinsam die Sporthallen nutzen. Ismail Öner ist ein Vorbild für viele, die Jugendlichen nennen ihn „Abi“, ihren „großen Bruder“.
Ismail Öner wurde 1978 als sechstes Kind kurdischer Einwanderer in Berlin-Spandau geboren. Mehrfach rieten Lehrkräfte seinen Eltern, Ismail von der Regelschule zu nehmen, dennoch erreichte er als einer der Jahrgangsbesten das Abitur und studierte Sozialarbeit.

Ulrich Hauser – Mut gegen rechte Gewalt

Ulrich „Uli“ Hauser ist Reporter mit Leib und Seele. Als er im Jahr 2000 zum Mord an Alberto Adriano, der in Dessau von Neonazis totgeprügelt wurde, recherchierte, wurde ihm klar, dass etwas passieren muss. Journalisten gucken immer nur dann hin, wenn etwas passiert. Uli Hauser aber guckte weiter hin. Die Idee für die Kampagne „Mut gegen rechte Gewalt“ war geboren. Unermüdlich redete Hauser auf Kollegen und Vorgesetzte ein, motivierte Prominente und Freunde, Geld zu spenden, um bundesweit Projekte gegen Rechtsextremismus zu unterstützen. Bis heute sind über 1,4 Millionen Euro zusammengekommen, die direkt und unbürokratisch an Projekte und Initiativen weitergegeben werden. Mutiges Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus und für die Etablierung demokratischer Alltagskultur erfährt so die wichtige Unterstützung, nicht nur finanziell.

Mit Texten der Pressemitteilung verfasst.

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