Sie sind hier

Opfer

Seit Jahren beklagt die Amadeu Antonio Stiftung die große Diskrepanz zwischen der Zählung von Todesopfern rechter Gewalt von staatlichen Behörden und von unabhängigen Organisationen sowie Journalistinnen und Journalisten. Wo von der Bundesregierung lediglich 75 Tötungsdelikte als rechts motiviert gewertet werden, ergeben Recherchen der Amadeu Antonio Stiftung eine weitaus höhere Zahl: Mindestens 179 Todesopfer rechter Gewalt seit dem Wendejahr 1990 sowie 20 weitere Verdachtsfälle und einen Sonderfall.
Opferberatungsstellen beklagen vielfach die mangelnde Sensibilität gegenüber Menschen, die Opfer rechter Gewalt werden. In der öffentlichen Wahrnehmung liegt der Fokus meist auf den Tätern, die Betroffenen werden kaum beachtet. Betroffene schildern den Beratungsstellen häufig, dass sie sich von der Polizei nicht ernst genommen fühlen oder ihnen sogar eine Mitschuld an dem Angriff unterstellt werde. In der aktuellen Studie „Opfer rechtsextremer Gewalt“ schildern Betroffene wie sie sowohl Täter als auch Polizei während und nach einem Angriff wahrnahmen und wie ihr Leben oftmals mit der Unterstützung von Opferberatungsstellen weiterging.
Seit dem Kinohit „Kriegerin“ Anfang 2012 haben viele Schulklassen die Geschichte, die zwei Mädchen in der rechtsextremen Skinhead-Szene vorstellt, gesehen. Spiel- und Dokumentarfilme werden gern von Lehrerinnen und Lehrern für den Unterricht gewählt. Doch was tun, wenn Schülerinnen und Schüler während der Filmvorführung aufspringen und den Hitler-Gruß zeigen? Oder in der anschließenden Diskussion Sympathien für die rechtsextremen Protagonistinnen und Protagonisten äußern?
Diese Opfer! Sie sehen nie, was man alles Gutes für sie tut; sie sehen nur das Schlechte. So lautete der Vorwurf gegen NS-Opfer nach dem Krieg, so lautet der Vorwurf heute an die Opfer rechtsextremer und rassistischer und antisemitischer Gewalt.
"In vielen Städten existiert eine Kultur des Wegschauens", so lautet das Fazit von Marion Kraske. Im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung erstellte sie einen eindringlichen Report über Rechtsextremismus in Deutschland.
Mehr als 250 Menschen nahmen am Samstag am ersten zivilgesellschaftlichen Hearing zu den Folgen der rassistischen NSU-Mord- und Anschlagsserie teil. Unter dem Motto „Schweigen und Verschweigen: NSU, Rassismus und die Stille im Land“ wurde in der Akademie der Künste in Berlin sechs Stunden lang referiert und diskutiert.
Als Signal gegen rechte Gewalt soll an diesem Donnerstag für eine Minute überall in Deutschland die Arbeit ruhen. In Berlin wird das öffentliche Leben stillstehen, die Kanzlerin spricht auf einer Gedenkfeier. Der stern unterstützt den Kampf gegen rechte Gewalt.
Gemeinsam rufen DGB und BDA zu einer Schweigeminute auf, um den Opfern rechter Gewalt zu gedenken. Eine große öffentliche Anteilnahme könnte das Zeichen der Solidarität sein, das bislang fehlt.
Es ist ernst. Die Mörder aus Thüringen bringen auf den Punkt, was seit vielen Jahren bekannt ist und dennoch geduldet wurde: Deutschland hat ein Problem mit Neonazis.