Sie sind hier

Praxistipps

Hingehen und unterstützen: Wie Torgelow Flüchtlinge willkommen heißt

Asyl ist unsere Angelegenheit: In Torgelow haben Engagierte den Platz besetzt, den andernorts die NPD und „besorgte Bürgerinnen und Bürger“ einnehmen. Foto: © Aktionsbündnis “Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!”

Willkommenskultur: Wie funktioniert das eigentlich? Die AG Kultur vom Bündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt! hat sich auf die Ankunft der Geflüchteten in der Region gut vorbereitet. Sie hat den Platz besetzt, den andernorts die NPD und „besorgte Bürgerinnen“ einnehmen. Und ihre Aktionen laden zum Nachmachen ein!

Von Anja Schwalbe

Vergangene Woche in Torgelow in Vorpommern: an jedem Tag, an dem ein neuer Bus ankommt, stehen Kaffee, Tee und Kuchen und ein herzliches Empfangskomitee bereit. Die Torgelowerinnen und Torgelower vom Bündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt! haben in den letzten Wochen ihre Vorkehrungen getroffen. Diesmal sollte nicht wie vielerorts in den vergangenen Monaten die NPD zur Begrüßung der Geflüchteten bereit stehen. Darum hatte die AG Willkommenskultur den Platz rechtzeitig besetzt.

Nachmittags nach dem ersten Einrichten, nach Kaffee und Kuchen machen die Geflüchteten mit ihren Betreuerinnen und Betreuern eine Runde durch die Stadt. Wo geht es ins Zentrum, wo ist die nächste Bank, wo der Supermarkt?

Währenddessen gibt es auch an anderen Stellen etwas zu tun. Abends werden weitere Anwohnerinnen und Anwohner bei einer Einwohnerversammlung zum Thema Asyl erwartet. Organisiert hat diese Patrick Dahlemann, der für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung und im Kreistag sitzt. Die große Frage dieses Abends ist: Können die Anwesenden verhindern, dass die Stimmung unter den „besorgten Bürgerinnen und Bürgern“ kippt und Raum für offen rassistische Hetze entsteht? Sie können es. Die Redebeiträge bleiben letztlich meist sachlich, die Stimmung offen für Willkommenskultur.

Sprechstunden für Asylsuchende

Für den Donnerstagabend hat die AG Gäste aus Greifswald eingeladen, um sich mit ihnen über ihre Arbeit mit Geflüchteten auszutauschen. Zwei Experten vom Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen, erklären den Anwesenden die rechtliche Situation und die Möglichkeiten von Asylsuchenden in Deutschland. In Greifswald organisieren sie nicht nur Sprechstunden für Asylsuchende, sondern helfen auch dabei, gute Anwältinnen und Anwälte zu finden. Bei der regelmäßigen Begleitung zu Terminen in Ämtern geht es nicht nur um rechtliche Fragen, auch Dolmetschen ist für diejenigen eine Hilfe, die noch nicht lange in Deutschland sind.

In der Regel bleiben Asylsuchende bis zu drei Monate in einem Erstaufnahmelager. Wenn sich in dieser Zeit Engagierte finden, kann diese Übergangssituation genutzt werden, um sie über ihre Rechte aufzuklären und sie mit bevorstehenden Verfahren vertraut zu machen. Oftmals sind Flüchtlinge jedoch völlig isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten. Weil die Erstaufnahmeeinrichtung für Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern in Horst zurzeit ihre Kapazitätsgrenze erreicht hat, kommen allerdings einige Menschen schon nach wenigen Tagen in die Gemeinden, die ihnen von der zuständigen Stelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zugewiesen werden. Viele kennen darum noch nicht die rechtliche Situation und wissen nicht, was die nächsten Schritte sein werden. Auch, wenn sie die Zeit vor der Anhörung nicht in einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung verbringen, können die Geflüchteten das Angebot der Beraterinnen und Berater des Flüchtlingsrats Mecklenburg-Vorpommern in Anspruch nehmen. Die Beratung hilft dabei, sich gezielt auf die Anhörung beim BAMF vorzubereiten, denn diese wird später die Grundlage für das Asylverfahren darstellen.

Tandemprogramm mit Geflüchteten

Die Gäste aus Greifswald berichten auch von einem Tandemprogramm, das Geflüchtete mit Anwohnerinnen und Anwohnern zusammen bringt. Viele Einzelpersonen würden sich gerne engagieren, wüssten aber nicht, wo sie anfangen sollen. Beim Tandemprogramm wird den Geflüchteten ein Partner oder eine Partnerin vorgestellt, die beiden lernen sich kennen und verbringen ihre Freizeit gemeinsam. So entstehen Kontakte zum Fußball- und Sportverein, zum Chor oder auch einer Handarbeitsgruppe. Wert legt das Tandemprogramm vor allem auf seinen Ansatz, denn in einem Tandem hilft nicht Eine dem Anderen, sondern beide lernen von- und miteinander.

Zunächst hatten die Organisatorinnen festgestellt, wie wenige Frauen zu den bereits angebotenen Sprachkursen gekommen waren. Deutschunterricht von Frauen für Frauen war darum ihre nächste Idee gewesen. Als die Frauen nach zwei oder drei Terminen auch hier nicht mehr erschienen und stattdessen die beiden auf den Gängen abfingen mit einer Einladung auf eine Tasse Tee und einen Plausch, fingen sie an, ihr Angebot zu überdenken. „Wir hatten ganz einfach den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht – wir haben das Kennenlernen übersprungen“, fasst eine der Organisatorinnen ihre Reflexion zusammen. „Wir haben dann überlegt, wie wir selbst am besten Sprachen gelernt haben und das ist ganz klar durch Sprechen und Zuhören. Dafür braucht man eigentlich nur Freunde.“ So kamen sie auf das Tandemprogramm, das den verpassten ersten Schritt, das Kennenlernen, nachholen soll. Wer dabei nebenher noch Sprachen lernen will, kann das natürlich immer noch tun.

Wie Willkommenskultur aussehen kann, wird an diesem Abend klar, darüber können wir alle noch etwas lernen. Die Greifswalderinnen und Greifswalder fassen ihre eigenen Erfahrungen und Lernprozesse für die AG Willkommenskultur in ein paar Punkten zusammen, die es bei der Unterstützung Asylsuchender und Geflüchteter grundsätzlich zu beachten gilt:

  • Suchen Sie sich selbst Rat und Unterstützung von Expertinnen und Experten! Eine Vernetzung mit anderen bereits Aktiven macht Mut und ermöglicht wichtigen Erfahrungsaustausch.
     
  • Unterstützen Sie, statt zu helfen: machen Sie sich Ihre eigene Haltung und Ihre privilegierte Position als „Ortsansässige“ bewusst.
     
  • Hingehen und nachfragen: Sprechen Sie mit den Menschen, um sie, ihre Situation und jeweiligen Bedürfnisse kennen zu lernen. Manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, Dinge zu sammeln und zu spenden (z.B. Fahrräder für mehr Mobilität), manche Menschen wünschen sich dagegen als erstes Sprachunterricht, andere suchen sozialen Kontakt oder Freizeitbeschäftigungen.
     
  • Denken Sie an ihre eigenen emotionalen Grenzen und sprechen sie darüber: Frustrationen zu teilen hilft, die eigene Energie zu bewahren.
     
  • Setzen Sie auf Ausdauer statt auf Aktivismus: weniger ist auf lange Sicht wahrscheinlich mehr!

Weitere hilfreiche Links:
 
Leitfäden für Geflüchtete beim Flüchtlingsrat MV

Liste der Beratungsstellen für Geflüchtete und Asylsuchende in MV

Asylverfahrensberatung in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung Nostorf/Horst (MV)

Leitfaden der Initiative Alle Bleiben Göttingen zu Strategien, wie Abschiebungen vor Ort verhindert werden können

 

 

Verwandte Artikel: