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07.04.2020
1 Todesfall
Celle
Niedersachsen

Ein 15-jähriger mit jesidischen Wurzeln, der mit seiner Familie 2014 aus dem Nord-Irak nach Deutschland flüchtete, war am Abend mit seinem Fahrrad unterwegs, als er von einem 29-jährigen Deutschen erstochen wurde. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er kurze Zeit später verstarb.
 
In einer Pressemitteilung zu dem Fall erklärten Polizei Celle und die Staatsanwaltschaft Lüneburg, dass dem Täter vorgeworfen werde, den Jungen „offenbar grundlos mit einem Messer niedergestochen zu haben“. Bisherige Ermittlungen lieferten „in keiner Hinsicht Anhaltspunkte für eine ausländerfeindliche oder politisch motivierte Tat“. Stattdessen sprachen sie bei ihrem derzeitigen Ermittlungsstand von einem „Zufallsopfer“. Bereits in ihrer ersten Pressemitteilung schrieb die Polizei, der Täter habe den Jungen "plötzlich und unvermittelt, und mutmaßlich auch grundlos" getötet.
 
 
Update: Recherchen von Zeit Online zu den Online-Aktivitäten des mutmaßlichen Täters werfen Zweifel auf, ob dieser tatsächlich ohne politische Motive handelte und sein Opfer zufällig auswählte: "ZEIT ONLINE stieß bei Recherchen zu Daniel S. auf drei Social-Media-Konten, die eine Nähe zu rechtsextremen Verschwörungsideologien belegen. Die Polizei bestätigte, dass es sich beim Inhaber der Accounts um den Verdächtigen handelt. Mehrere Neonazis und Rechtsradikale befinden sich unter den Onlinefreunden von Daniel S. Nicht alle seine Onlinebekanntschaften scheinen indes politisch begründet. Auch Kurden und Türken sind darunter."
 
Inzwischen prüft auch die Staatsanwaltschaft die Online-Profile des mutmaßlichen Täters. Im Hinblick auf das Motiv werde in alle Richtungen ermittelt, teilte Oberstaatsanwaltschaft Lars Janßen mit. Mehrere Gruppierungen, darunter jesidische Vereine, hatten der Staatsanwaltschaft am Freitag vorgeworfen, einen möglichen rassistischen Hintergrund des Verbrechens mit dem Verweis auf eine mögliche psychische Erkrankung des Täters vorschnell kleinzureden. Auch das Netzwerk „Südheide gegen Rechtsextremismus“ unterstützt die Erklärung, in der Parallelen zum Attentäter von Hanau gezogen werden. Die Staatsanwaltschaft hat wie in solchen Fällen üblich ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben. Laut Polizei hatte der mutmaßliche Täter bei seiner Festnahme verwirrt gewirkt.