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Reportagen

„Hier bestimmen wir!“

Ob es in Eberswalde eine Straße für Amadeu Antonio geben wird, ist auch weiterhin ungewiss. Foto: Mut, c

Letzen Montag fand in Eberswalde der zweite und letzte Workshop statt, wie in Zukunft an Amadeu Antonio erinnert werden soll. Neben konstruktiven Diskussionsbeiträgen schockierten aber auch rassistische Aussagen.

Von Anna Brausam

„Warum bleibt ihr nicht in Berlin und benennt da irgendwelche Straßen um?“ „Das machen wir doch bereits. Demnächst wird es in Friedrichshain eine Silvio-Meier-Straße geben.“ Der Fragensteller bekommt einen hochroten Kopf und kontert: „Das ist ja schön für euch, aber: Hier bestimmen wir!“

Mit diesen einladenden Worten wurden meine Kollegin und ich empfangen als wir den zweiten und letzten Workshop in Eberswalde besuchten. Wir wollten mitdiskutieren, wie in Zukunft an Amadeu Antonio, eines der ersten Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung, erinnert werden soll. Dass das einigen Teilnehmern ein Dorn im Auge war, wurde uns mit dieser Aussage mehr als deutlich.

Hier bestimmen also „wir“. Doch wer ist „wir“? Wen der Fragensteller mit „wir“ meint? Na ja, nachdem er von den Anwesenden zunächst wissen wollte, „Wer kommt hier eigentlich aus Eberswalde, also wer ist hier GEBOREN?“, kann sich jeder denken, wen er mit „wir“ gemeint hat. Zu Recht löste diese Frage bei nicht wenigen Teilnehmern große Irritation aus. War die Frage nur unglücklich formuliert?

Fragwürdige Aussagen der Bürgerbewegung

Wer die Eberswalder Diskussion über eine Straßenumbenennung in Amadeu-Antonio-Straße in den letzten Monaten verfolgt hat, glaubt nicht an eine unglückliche Formulierung. Denn da ist auf der einen Seite eine Eberswalder Initiative der schwarzen Community und jungen Menschen, die in Erinnerung an Amadeu Antonio ein Teilstück der Eberswalder Straße nach ihm benennen wollen und dann ist da eine Gegeninitiative von weißen Bürgerinnen und Bürgern, die nicht zum ersten Mal mit fragwürdigen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Initiatorin der Gegenbewegung erklärte in einem offenen Brief, dass die angolanischen Vertragsarbeiter laut Gerüchten häufig gewalttätig oder sexuell übergriffig gewesen wären. Ihre haltlosen Aussagen dienten dem Zweck, die Frage aufzuwerfen, ob Amadeu Antonio für eine Straßenumbenennung überhaupt würdig sei. Diese Verleumdungen finden sich seitdem regelmäßig in Kommentaren zu der Straßenumbenennungsdebatte.

Auch wenn die Frage nach der Herkunft zu Beginn des Workshops von den beiden externen Erwachsenenpädagoginnen aus Hamburg, die durch den Workshop führten, in „Wer lebt und/ oder arbeitet in Eberswalde?“ umformuliert wurde, bleibt ein bitterer Beigeschmack. Denn die Aufteilung der Anwesenden in Eberswalder und Nicht-Eberswalder sollte wohl beweisen, dass die Straßenumbenennung eine von außen aufoktroyierte Debatte aus Berlin sei – ein stets formulierter Vorwurf der Gegeninitiative. Dass diese "Entlarvung" nach hinten losging, zeigte die Tatsache, dass bei dem Workshop lediglich zwei Berlinerinnen (meine Kollegin und ich) und der Rest der Anwesenden, rund 50 Teilnehmer, Menschen waren, die in Eberswalde wohnen oder arbeiten. Die Frage verdeutlichte damit vielmehr, dass vor allem die Anwohner der Stadt die Frage bewegt, wie gemeinsam ein würdiges Gedenken an Amadeu Antonio gefunden werden kann. Besonders erfreulich war zu sehen, dass es diesmal gelungen ist auch Freunde und Angehörige von Amadeu Antonio für den Workshop zu gewinnen.

Gruppenarbeit? Nein Danke!

Als dann der eigentliche Workshop beginnen sollte, und alle Anwesenden per Zufallsentscheidung in Kleingruppen aufgeteilt werden sollten, um gemeinsam zu diskutieren, war es ein Großteil der Gegeninitiative, der sich weigerte an der Gruppenarbeit teilzunehmen. Und warum? Eine schlüssige Begründung fiel nicht. War es vielleicht die Angst, dass sie plötzlich mit einem Freund oder sogar Angehörigen von Amadeu Antonio an einem Tisch sitzen könnten? Denn bereits zuvor hatte ein Teilnehmer gesagt, dass ihm klar sei, dass er mit seinen Aussagen eventuell jemanden verletzen könnte. Rund 10 Teilnehmer verweigerten sich der Gruppenarbeit und bildeten ihre eigenen Tisch, bei dem sie nicht auf Gegenmeinungen stoßen mussten und damit ihre immer gleichen Argumente noch einmal durchkauen konnten. Denn nur damit es niemand vergisst: "Hier bestimmen wir!"

An den anderen Tischen saßen Befürworter und Gegner der Straßenumbenennung zusammen und diskutierten kontrovers, aber konstruktiv über verschiedene Vorschläge des Erinnerns.

Eine Vielzahl von Vorschlägen

Am Ende der Gruppenarbeit wurden die Vorschläge gesammelt und allen Anwesenden vorgestellt. Da fiel zum einen der Vorschlag das namenslose Finower Gymnasium nach dem angolanischen Vertragsarbeiter zu benennen. In diesem Kontext könnte ein Amadeu Antonio Tag an der Schule eingeführt werden, an dem eine Auseinandersetzung mit Amadeu Antonios Leben und Tod sowie Rassismus und Menschenfeindlichkeit in der Gesellschaft stattfinden könnte. Denn zwei Schülerinnen aus dem Gymnasium Finow berichteten, dass viele Mitschüler nicht einmal wüssten, wer Amadeu Antonio gewesen sei.

Als zweite Option für eine Benennung nach Amadeu Antonio wurde das im Bau befindliche Bürgerbildungszentrum in der Stadtmitte genannt. Das Zentrum beherbergt in Zukunft die Stadtbibliothek, eine Kindertagesstätte und Veranstaltungsräume und sei wegen seines Bildungsauftrages als Ort der Erinnerung und Aufklärung über Rassismus geeignet.

Die Gegeninitiative mit ihrem eigenen Tisch stellte ihren bereits bekannten Vorschlag vor, einen „Garten der Erinnerung“ zu gestalten, in dem an alle Menschen erinnert werden soll, die aus „verwerflichen Motiven“ getötet worden sind. Neben den Opfern von Rassismus, soll auch an die „Opfer der sowjetischen Besatzungszeit“ erinnert werden. Denn wie die Initiatorin der Bürgerbewegung bereits in ihrem offenen Brief geschrieben hat, kenne sie jemanden, der wüsste von „mindestens 5 Menschen, welche von den Russen erschossen wurden. Und keiner der Bürger, welche diese Geschichten zu berichten hatten, sind ausländerfeindlich, sie wollen damit nur sagen, dass es auch unter unseren ausländischen Gästen einige gab, die sich nicht annähernd so zu verhalten wussten, wie es auch von den Deutschen erwartet wird.“ Und fragt dann: „War denn Amadeu Antonio wirklich bis zu seinem Tod ein Vorzeigebeispiel für Gäste in einem fremden Land?“  Genau dieses Beispiel wird in dem gesamten Workshop immer wieder deutlich. Sprecher der Gegenbewegung beteuern zwar, wie furchtbar die Tat an Amadeu Antonio gewesen sei. Im gleichen Atemzug ist es ihnen aber wichtig stets zu betonen, dass die Deutschen, also sie (denn alle anderen sind ja nur „unsere ausländischen Gäste“) auch Opfer seien: In diesem Bewusstsein als Deutsche empfinden sie sich als Opfer von Gewalttaten, die von Soldaten der sowjetischen Besatzungsmacht begangen wurden, als Opfer der Wende, durch die einige auf die schiefe Bahn gerieten und sogar im Workshop empfinden sie sich als Opfer, da die Moderatorinnen parteiisch seien und ihnen der Mund verboten würde. Diese eindimensionale Fokussierung verhindert es, Empathie für andere Opfergruppen aufzubringen. Infolgedessen mangelt es ihnen auch an der Einsicht, den Vorschlag der schwarzen Community für eine Straßenumbenennung nicht als Eingriff in „ihr“ Eberswalde zu sehen, sondern als gleichberechtigte Anregung von Bürgern. Denn sie sind eben nicht „unsere ausländischen Gäste“. Dass das die Gegeninitiative nicht so sieht, zeigt die Aussage einer älteren Teilnehmerin, die nach der Verhältnismäßigkeit des Erinnerns an „den Afrikaner“ fragt: „Was käme denn nach einer Straßenumbenennung? Wolle man Eberswalde in Amadeu Antonio Stadt umbenennen?“ Lacher aus ihrem Lager. Spätestens jetzt bin ich fassungslos, denn die Frau hat gerade das ausgesprochen, was John Munjunga, der Vorsitzende des Vereins „Palanca“, noch bei dem ersten Workshop geschildert hat. Nämlich wie entmutigend es als People of Color sei, durch Eberswalde zu laufen und mit genau dieser rassistischen Aussage konfrontiert zu werden.

Die Straße ist der authentische Ort

Die Straßenumbenennung war vor allem auch ein Anliegen von Amadeu Antonios Freunden und Angehörigen. Sie sind damals zusammen als Vertragsarbeiter in diese Stadt gekommen. Der Vorschlag kam also von Menschen, die bis heute von Rassismus und Menschenfeindlichkeit betroffen sind. Die Straße fand zwar auch im Workshop viele Fürsprecher, doch noch ist ungewiss, ob sich die Stadtverordnetenversammlung dafür entscheiden wird. Viele plausible Argumente fielen in der Diskussion. Die Straße ist der authentische Ort; hier ist die Tat geschehen. Mit der Umbenennung würde sich die Stadt für eine symbolstarke Kennzeichnung von Stadtraum bekennen und eine Verankerung im Alltag nicht scheuen. Denn das Hauptproblem sind nicht die offensichtlichen Neonazis mit ihren Glatzen und Springerstiefeln, sondern es sind vor allem jene Alltagsrassisten, die mit unreflektierten und stereotypen Aussagen andere Menschen diskriminieren und ausgrenzen.

Der Vorschlag eines „Gartens der Erinnerung“ verharmlost nicht nur bereits mit seinem seichten Namen diese erschreckende Tat, sondern verhindert eine differenzierte Aufarbeitung verschiedener Opfergruppen. Ein Bildungszentrum kann geschlossen werden, weil die Stadt die Kosten nicht mehr tragen kann, eine Schule kann geschlossen werden, weil die Schüler ausbleiben, aber eine Straße? Eine Straße bleibt und holt fast Vergessenes ins Bewusstsein zurück. Und fordert somit von jedem Menschen, der an ihr vorbeikommt eine tagtägliche Auseinandersetzung mit den furchtbaren Folgen von Rassismus.
 

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