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Reportagen

"Bei Rassismus hört die künstlerische Freiheit auf"

Foto: Libertinus via Flickr, cc

Hip-Hop ist eine Musik- und Jugendkultur. Und eine Plattform für Nazis?

Von Maja Bisanz

Über Rechtsrock wurde und wird viel geredet. Bands wie Frei.Wild oder der Liedermacher Frank Rennicke sind allgemein bekannt. Doch dass es auch im Hip-Hop Nazis gibt ist vielen nicht bekannt. Wenn man sich allerdings vor Augen führt, wo der Hip-Hop seine Ursprünge hat, wird einem auch klar warum viele nicht mit Nazis im Hip-Hop rechnen.

Hip-Hop entstand in den 70er Jahren in den schwarzen Ghettos der USA, unter anderem als Antwort auf den Niedergang der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und den sozialen und ökonomischen Verfall der Innenstädte. Die Arbeitslosigkeit untern den schwarzen Jugendlichen stieg auf bis zu 40% und viele der Jugendlichen wendeten sich der Kriminalität und dem Drogenhandel zu.

„Wolf im Schafspelz“

Doch was haben die Neonazis mit diesem Thema zu tun? Der Grund, warum immer mehr rechter Hip-Hop zu hören und zu kaufen ist, ist die gezielte Unterwanderung der Hip-Hop Szene durch Neonazis. „Rap ist heute populärer denn je und so könnte diese Form einfach ein niederschwelliges Angebot an Jugendliche sein, die nicht mehr auf ihre Hörgewohnheiten verzichten müssen um sich mit nationalistischen Themen zu beschäftigen“, sagt der Rapper Chaoze One. „Was bei Altnazis als ‚Negermusik‘ verschrien war, wird den Jungnazis zum Ausdrucksmittel. Allerdings heißt das Genre nun eingedeutscht ‚Nationaler Sprechgesang'. Ein bekannter Vertreter ist das Projekt N´Socialist Soundsystem“, erklärt Dr. Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Universität Mainz. N´Socialist Soundsystem bringen ihre rechte Gesinnung mit Texten wie

„Nicht mehr germanisch, nur mehr manisch-depressiv.
Ihr seid wie Ritter ohne Harnisch Sehr leicht angreifbar im Krieg“

(„Republik der Feiglinge“) und

„Ich bin der deutsch gebliebene Deutsche in der Sprechgesangsmusik,
der anstatt Koks lieber rot-weiss-schwarze Flaggen hochzieht!“

(„Zeit für guten Rap“)

zum Ausdruck. Und n´Socialist Soundsystem ist nicht die einzige Hip-Hop Kombo mit rechtsradikaler, antisemitischer und fremdenfeindlicher Überzeugung. Sprachgesang zum Untergang reiht sich mit Lines wie

„Raus auf die Straße die Segel sind gesetzt
Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt.
Trotz linker Blockade den Bullen widersetzt.
Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt jetzt.
Ist das Banner und die Fahne auch mal zerfetzt.
Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt.
Drauf geschissen ob die Presse gegen uns hetzt.
Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt. Jetzt, jetzt, jetzt!“

(„Nationaler Sozialismus jetzt“)

genauso in die Reiher vielzähliger rechter Rapper ein. Doch warum Hip-Hop? Die Neonazis übernehmen, wie auch im Kleidungsstil erkennbar, immer öfter linke Styles und Erkennungszeichen wie zum Beispiel den Kleidungsstil der Antifa: Ganz in schwarz mit Hoodie und Basecap.

Künstler wie N´Socialist Soundsystem und Sprachgesang zum Untergang „versuchen die Codes und Styles [der Jugendkultur „Hip-Hop“] zu kopieren und damit den Wolf im Schafspelz zu mimen“, sagt Rapper Chaoze one.

Engagierte Rapper gegen Rechts

Es gibt jedoch auch eine Menge Hip-Hop Künstlerinnen und Künstler, die sich durch gesellschaftskritische und antirassistische Texte hervortun.
Beispiele dafür sind unter anderem  der Deutsch-Japaner Blumio, die Initiative afrodeutscher Künstler und Künstlerinnen Brothers Keepers, Chaoze One oder auch die deutsch-französische Band Irie Révoltés.
Mit Songzeilen wie

„Ich greif dich nicht an, ich reich dir die Hand
Bitte hör auf meine Worte, saug sie ein wie ein Schwamm
Denn es ist leicht zu sagen, Nazis raus
Doch jeder Mensch kann sich verändern, ich glaub Nazis auch“

(„Hey Mr. Nazi“ – Blumio),

„In die Mitte der Gesellschaft woll'n sie ihren Müll verbreiten:
Thor Steinar - Geh'n sie weg vom Glatze-Bomberjacken-Style?
an Schulhöfen CDs verteil'n, in Stadien Schlägerei'n,
Liedermacher, Rechts-Rock für jeden was dabei.
Dumpfe rechte Sprüche finden sich in viel'n Partei'n wieder,
Es brennen Häuser und Idioten schrei'n "Sieg heil!".
Manche sind schockiert, doch wenig Leute greifen ein,
ich werde nicht ruh'n, ich will den Globus nazifrei.“

(„Antifaschist“ – Irie Révoltés)

„Dies ist sowas wie eine letzte Warnung
denn unser Rückschlag ist längst in Planung
Wir fall´n dort ein wo ihr auffallt
Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt
denn was ihr sucht ist das Ende
Und was wir reichen sind geballte Fäuste und keine Hände
Euer Niedergang für immer.
Und was wir hören werden, ist euer Weinen und euer Gewimmer“

(„Adriano“ – Brothers Keepers)

„Ich hab keine Liebe für alte und neue Faschisten
Schnell schnell ihr solltet euch noch heute verpissen
keine Liebe für die Politik hier Weil sie polarisiert, rechts grob toleriert
doch Rechtsaußen kommt näher mit Schulhof CDs
Wir müssen aufstehn uns wehrn ich du oder es doch wir bleiben am Start -
bilden den Gegenpart straight gegen Nazis überall und zwar jeden Tag“

(„Can´t love this country 2.0“ – Chaoze One)

verkörpern sie den politisch korrekten Hip-Hop heute und wenden sich in Netzwerken wie „Hip-Hop Partisan“ immer wieder organisiert gegen rassistische Mechanismen.

Rassismus-Vorwürfe gegen Bushido und Co

Neben den zwei Extremen „Nazi- Rapper“ und „politisch korrekter, gesellschaftskritischer Rapper“ gibt es noch die Rapper, die sich irgendwo dazwischen einordnen lassen. Der Berliner Gangsterrapper Bushido erntete genau wie sein „Aggro Berlin“ Kollege Fler schon mehrfach Kritik für seine sexistischen, homophoben und teils rechtsextremen Texte: „Am 1. Mai wird zurückgeschossen“ (Fler), „Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A.“ („Electro Ghetto“ – Bushido).

Auf die Frage wie man mit Künstlern wie Bushido, Fler oder auch G-Hot umgehen sollte antwortete Chaoze One: „Hm, also ich halte nichts davon die Hip-Hop Szene immer völlig losgelöst von der Gesellschaft zu betrachten. Rapper bewegen sich nicht 24/7 in einer Szene-Seifenblase, sondern sitzen genauso beim Amt, gehen zum Bäcker oder stehen im Aldi an der Kasse. Was ich damit sagen will ist, dass der Sexismus, die Homophobie, der Rassismus, auch der Antisemitismus in unserer Gesellschaft alltäglich sind. Hip-Hop ist ein Spiegel der Gesellschaft, da tummelt sich alles, vom Gangster bis zum Studentenrap. Und genauso wie ich in der Bahn bei einer homophoben Attacke aufstehen würde oder bei rassistischen Äußerungen im Fußballstadion, genauso muss das das eben auch in der ‚Szene‘ laufen. Wenn wir es nicht schaffen da einen Gegenpol zu schaffen, wird eine Veränderung des Denkens nicht stattfinden.“

Auch das Stuttgarter Quartett Die Orsons fiel in letzter Zeit eher durch negative Presse in Sachen Homophobie und Antisemitismus in ihren Texten  auf. In ihren Songs „Horst und Monika“ („Mit einem Hechtsprung ins andere Geschlecht […] von Mann zu Frau, von rechts nach links aus Dunkelheit ans Tageslicht von Unten-ohne zur Toleranzikone“) und „Beatles Piraten“ („ah okay richtig geil! jetzt wird es zeit für K.O tropfen im Wein. Ich will, dass Frauen in meine Wohnung laufen und locke sie wie jüdische Pädophile im Auto“) bedienen sie sexistische, antisemitische und transphobe Klischees.
Doch auf die negative Kritik reagierten Die Orsons mit einer Mitteilung auf Facebook: „Wir haben mit „Horst & Monika“ einen Song für Toleranz, gegen Hass und gegen Schranken in Köpfen geschrieben.[…] Wir sind deswegen aber keine Sexisten. Sexismus und sexuelle Gewalt – egal in welcher Form – ist scheiße! […] wir sind ganz bestimmt keine Antisemiten!“
Mit ihrem Auftritt bei „Laut gegen Nazis“ setzten die Orsons außerdem ein klares Zeichen gegen die aufgekommene Kritik und gegen Antisemitismus.

Sexismus und Ironie – Stilmittel oder No-go?

Ironie, mit der sich auch Die Orsons rechtfertigen, ist im Hip-Hop ein gängiges Stilmittel. Doch wie viel Ironie dürfen sich Künstler und Künstlerinnen in Bezug auf Themen wie Rassismus und Antisemitismus erlauben? „Ironie hilft dabei, etwas sagen zu können, was man sonst nicht sagen darf. Im Falle des Ertappt Werdens lässt es sich dann wunderbar entwaffnet die Hände in die Luft strecken und sagen: ‚Das war doch alles nicht so gemeint‘. Ich gehe nicht davon aus, dass Die Orsons Antisemiten sind. Aber sie wollten wahrscheinlich provozieren[…]. Ich glaube aber, dass Rapper, die solche Textzeilen unter dem Deckmantel der Ironie von sich geben, die Grenzen zu Tabuthemen verschieben. Und das kommt dann denen zu gute, die solche Äußerungen völlig unironisch von sich geben. Insofern darf sich für meine Begriffe keiner unter dem Deckmantel der Ironie verstecken.“ (Chaoze One)

Neben der Ironie ist auch der Sexismus im Hip-Hop weit verbreitet. Sowohl im amerikanischen und englischen, als auch im deutschen „Gangster-Rap“. Die Kampagne "Make some Noise" die unter anderem von Mal Élevé, Mitglied der Band Irie Révoltés, ins Leben gerufen wurde, engagiert sich gegen Homophobie, Transphobie und Sexismus im Hip-Hop: „‚Make some noise‘ ist davon überzeugt, dass Diskriminierung auf Grund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung (so wie jede andere Art der Diskriminierung) nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun hat“. Diese Meinung teilt auch Smudo, Mitglied der Fantastischen Vier: „Bei Rassismus hört die künstlerische Freiheit auf. Jeder Künstler hat eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Smudo, Chaoze One, Blumio, die Brothers Keepers, Irie Révoltés und all die anderen, die sich in ihrer Musik und mit ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus und Homophobie aussprechen, die Mut gegen rechte Gewalt beweisen, sollten ein Vorbild für alle sein. Damit der Hip-Hop Nazi-frei wird.
 

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