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Bundesregierung korrigiert offizielle Statistik um 12 Todesopfer rechter Gewalt nach oben

Bundesregierung korrigiert offizielle Statistik um 12 Todesopfer rechter Gewalt nach oben. Foto: Martin Fischer via Flickr, cc

Seit Jahren beklagen zivilgesellschaftliche Organisationen die hohe Diskrepanz zwischen der offiziellen Zählung durch die Bundesregierung: Wo die Amadeu Antonio Stiftung 182 Opfer rechter Gewalt zählt, halten die Behörden weiterhin an einer weitaus niedrigeren Zahl fest. Nun haben sie sich einen Schritt bewegt und die Statistik um zwölf Todesopfer rechter Gewalt nach oben korrigiert. (Drucksache 17/8958)

Bei den zwölf Opfern handelt es sich zum einen um die 10 Opfer der Zwickauer Terrorzelle.
Enver Şimşek, 38 Jahre
Am 9. September 2000 wurde Enver Şimşek in Nürnberg (Bayern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" an seinem mobilen Blumenstand mit acht Schüssen aus zwei Pistolen angeschossen. Er erlag zwei Tage später an seinen schweren Verletzungen.

Abdurrahim Özüdoğru, 49 Jahre
Am 13. Juni 2001 wurde Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg Langwasser (Bayern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit zwei Kopfschüssen aus einer Pistole in seiner Änderungsschneiderei ermordet.

Süleyman Taşköprü, 31 Jahre
Am 27. Juni 2001 wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg Bahrenfeld von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit drei Kopfschüssen aus zwei Pistolen im Obst- und Gemüseladen seines Vaters erschossen. Einen Tag später wurde er von seinem Vater tod aufgefunden.

Habil Kılıç, 38 Jahre
Am 29. August 2001 wurde Habil Kılıç in München Ramersdorf (Bayern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit zwei Kopfschüssen in seinem Obst- und Gemüseladen erschossen.

Yunus Turgut, 25 Jahre
Am 25. Februar 2004 wurde Yunus Turgut in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit einem Kopfschuss in einem Imbissstand erschossen.

Ismail Yaşar, 50 Jahre
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Yaşar in Nürnberg (Bayern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit fünf gezielten Schüssen in seinem Dönerstand ermordet.

Theodorus Boulgarides, 41 Jahre
Am 15. Juni 2005 wurde Theodorus Boulgarides in München Westend (Bayern) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" in seinem Schlüsselladen mit einem gezielten Kopfschuss ermordet.

Mehmet Kubaşık, 39 Jahre
Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit mehreren Schüssen in seinem Kiosk niedergeschossen und starb an seinen schweren Verletzungen.

Halit Yozgat, 21 Jahre
Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in Kassel (Hessen) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" in seinem Internetcafé durch zwei gezielte Kopfschüsse ermordet.

Michèle Kiesewetter, 22 Jahre 
Am 25. April 2007 wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn (Baden-Württemberg) von der terroristischen Neonazivereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" mit einem Kopfschuss in ihrem Streifenwagen ermordet. Ihr zwei Jahre älterer Kollege wurde ebenfalls schwer verletzt.

Zum Anderen hat die Landesregierung Sachsen zwei Fälle aus dem Jahr 1996 und 1999 nachgemeldet.

Achmed Bachir, 30 Jahre, Asylbewerber
Er wurde am 23. November 1996 in Leipzig (Sachsen) vor einem Gemüseladen mit einem Messerstich ins Herz getötet, als er zwei deutschen Kolleginnen zu Hilfe kommen wollte, die von zwei Skinheads attackiert und als "Türkenschlampen" bezeichnet worden waren.

Patrick Thürmer, 17 Jahre, Lehrling
In der Nacht zum 2. Oktober 1999 griffen rechte Skinheads ein Punkfestival in Hohenstein-Ernstthal (Sachsen) an. Thürmer und einem Freund gelang es zunächst, zu einem Bauernhof zu flüchten. Dort wurde er von drei Skinheads, die ihn verfolgt hatten, mit Fußtritten, einer Axt und einem Billardqueue bewusstlos geprügelt. Am Morgen darauf fanden ihn Anwohner. Er starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Im Jahr 2009 erkannte die Bundesregierung zudem Marwa El-Sherbiny offiziell als Todesopfer rechter Gewalt an. (Drucksache 17/7161)

Marwa El-Sherbini, 31 Jahre
Am 1. Juli 2009 ersticht der NPD-Sympathisant Alex W. (28) im Landgericht Dresden (Sachsen) die schwangere Ägypterin Marwa El-Sherbiny (31) und verletzt ihren Ehemann Elwy Okaz schwer. Die Tat geschieht während einer Berufungsverhandlung gegen den Russlanddeutschen. Alex W. hatte die Frau im August 2008 auf einem Spielplatz grundlos als "Islamistin" und "Terroristin" beschimpft. Dafür erhielt er eine Geldstrafe. Da W. sie nicht akzeptierte, war die Verhandlung notwendig. Im Gerichtssaal beleidigt W. die Ägypterin, dann sticht er überraschend und insgesamt 16-mal auf die Frau ein. Auch der Ehemann erhält 16 Stiche. Ein Bundespolizist greift ein und schießt fälschlicherweise auf Elwy Okaz, da er ihn für den Täter hält. Im November 2009 verurteilt das Landgericht Dresden den Russlanddeutschen zu lebenslanger Haft wegen Mordes, außerdem verkündet die Kammer eine besondere Schwere der Schuld. Als ein Tatmotiv nennen die Richter Fremdenhass. Die Ermittlungen gegen den Bundespolizisten stellt die Staatsanwaltschaft Dresden im Dezember 2009 ein. Der Mord an Marwa El-Sherbiny gilt als bislang schwerster Fall islamophober Gewalt in der Bundesrepublik.

Zudem wurde im September 2011 der Asylbewerber Kamal Kilade von der sächsischen Landesregierung, als Todesopfer rechter Gewalt bestätigt, wie Kerstin Köditz, Sprecherin für antifaschistische Politik der Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag in einer Pressemitteilung bekannt gab.

Kamal Kilade, 19 Jahre
Er starb nach einem Angriff zweier Nazis am 24. Oktober 2010 an den Folgen eines Messerstiches in den Bauch am Leipziger Bahnhof (Sachsen). Die beiden Täter waren zuvor mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft.

Damit erkennt die Bundesregierung aktuell 60 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland seit der Wende 1990 offiziell an. Trotzdem bleibt eine Differenz von 122 Opfern weiterhin bestehen.