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Interview

Hatice Akyün: „Mit Birlikte entsteht etwas Gemeinsames“

Hatice Akyün unterstützt das Birlikte-Fest in der Kölner Keupstraße. Foto: © Hatice Akyün

Selbstironisch, entspannt und humorvoll: Die Journalistin Hatice Akyün, 1972 mit ihren türkischen Eltern nach Duisburg übergesiedelt, gehört zu den temperamentvollsten Stimmen in der Debatte über Deutschtürkisches. Bei Birlikte wird sie nun den Film „Einmal Hans mit scharfer Soße“ vorstellen, der auf ihrem gleichnamigen Buch beruht. Wir haben sie interviewt.

„Einmal Hans mit scharfer Soße“ wird am Pfingstsonntag in einer exklusiven Vorpremiere bei uns gezeigt – warum unterstützen Sie Birlikte?

Hatice Akyün: Ich komme selbst aus Nordrhein-Westfalen, Köln weckt in mir also auch Heimatgefühle. Es ist wunderbar, was hier für die drei Tage an Programm auf die Beine gestellt wurde, seien es nun Theater, Musik, Diskussionen und und und. Alle Menschen können zu Birlikte kommen und – ganz im Sinne des Mottos – zusammen stehen. Das ist das Schöne an der Veranstaltung: Es geht nicht um DIE Türken oder um DIE Deutschen, sondern darum, dass wir alle gemeinsam gegen Rassismus auf die Straße gehen. 1993 habe ich den Brandanschlag von Solingen quasi vor meiner Haustür erlebt – ebenso wie die folgende Welle der Solidarität: Zehntausende gingen damals auf die Straße, demonstrierten gegen Rassismus und zündeten Lichterketten. Diese Solidarität hat mir beim NSU gefehlt. Es waren zwar alle schockiert. Aber die großen Demonstrationen blieben aus. Mit Birlikte habe ich nun zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas Gemeinsames entsteht.

Bildet Birlikte denn einen würdigen Rahmen für die Erinnerung an den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße?

Wir haben getrauert und wir haben gedacht, nun müssen wir weitermachen. Jeder, der zu Birlikte kommt, wird den Slogan „Eure Bombe galt auch mir“ im Hinterkopf haben. Wir müssen ein Zeichen setzen. Denn Birlikte ist auch ein Signal an Nazis und Rassisten: Ihr habt nicht nur Türken gegen Euch, sondern die ganze Gesellschaft. Je mehr Menschen also zu Pfingsten in Köln auf die Straße gehen, umso stärker und wirkungsvoller wird dieses Zeichen. Man hätte ja auch einfach eine Veranstaltung im Rathaus mit 250 Gästen und Reden abhalten können – das hätte aber nichts bewirkt. Die Nagelbombe galt ganz normalen Menschen in der Keupstraße, die dort einfach ihr Geschäft hatten – zu ihnen müssen wir also.
Ich habe mich natürlich schon gefragt, ob der Film „Einmal Hans mit scharfer Soße“, der sehr humorvoll ist, passt, aber er bringt Menschen auch zusammen: Denn Deutsche und Türken können gemeinsam übereinander lachen – und merken, dass sie nicht allein sind.

Was ging in Ihnen vor, als die Taten des NSU ans Licht kamen?

Wir dachten ja alle, dass vielleicht die türkische Mafia dahinter steckt, das war das Fatale: Wir haben uns selbst nicht hinterfragt. Doch schon vor der Selbstenttarnung des NSU hatte ich ein Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt: Die Opfer waren fast alle Türken und es wurde immer die gleiche Waffe benutzt. Das war beängstigend, denn als Türkin hätte es auch mich oder meine Familie treffen können. Als dann klar war, dass der NSU dahintersteckte, schlug das Bauchgefühl in pure Angst um. Ich war fassungslos und schockiert, habe angefangen zu zittern ... Ich hätte alles gedacht, aber nicht das! Das hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggezogen. Sollte ich mit meiner Tochter in diesem Land, meinem Land bleiben? Oder sollte ich Deutschland verlassen. Auch meine deutschen Freunde waren schockiert, aber auf eine andere Weise – denn sie dachten nicht, dass es sie hätte treffen können. Das ist ein großer Unterschied. Ich weiß noch, dass ich damals durch Kreuzberg ging und mir die verschiedenen Geschäfte ansah: ein Bäcker, ein Blumenladen, ein Internetgeschäft – alles potenzielle Opfer!

Es hat eine ganze Weile gebraucht, bis ich wieder klar sehen konnte und noch heute fehlen mir die Worte.

Lässt sich Ihre Reaktion auf den NSU mit Ihren Gefühlen nach Solingen vergleichen?

Von den Emotionen her war der NSU schlimmer, obwohl ich bei Solingen vor Ort war. Aber da gingen eben zehntausende auf die Straße, um ihre Solidarität zu zeigen – und diese Solidarität hat mich damals aufgefangen. Beim NSU fühlte ich mich auf mich allein gestellt, wie in ein Loch gefallen. Und das ging vielen meiner migrantischen Freunde so.

Nun gibt es die Sorge, dass über die Beschäftigung mit dem NSU „vergessen“ wird, dass es Rassismus in der Mitte der Gesellschaft gibt – wie sehen Sie das?

Den hat uns die Sarrazin-Debatte eindrücklich vor Augen geführt. Sarrazin stammt aus der gehobenen Mittelklasse, sein Buch wurde über eine Million Mal gekauft und das sicher nicht von Nazis, sondern von ganz normalen Menschen. Die Diskussion die daraufhin über den Rassismus der Mitte entbrannt ist, finde ich gut. Wir wissen mittlerweile, dass es zwar gewaltbereite Nazis gibt – und zwar so gewaltbereit, dass einem die Luft wegbleibt – aber dass es eben auch den Rassismus des netten Nachbarn von nebenan gibt. DAS ist schon allen klar. Dieser alltägliche Rassismus zeigt sich etwa, wenn ich auf Wohnungssuche bin und aufgrund meines Nachnamens nicht zurückgerufen werde. Das ist nicht gefährlich und davon werde ich nicht sterben – aber genau da müssen wir ansetzen.

Gerade fanden die Europawahlen statt, die AfD hat hier einen großen Wahlerfolg gefeiert. Wie bewerten Sie das?

Ich bin nicht dafür, solche Parteien zu stigmatisieren: Wenn wir nicht mit denen reden, wissen wir nicht, was sie vorhaben und können sie dementsprechend nicht enttarnen. Es ist immer besser, die Pläne des Gegners zu kennen, als sie zu ignorieren.

In der so genannten Integrationsdebatte fallen immer wieder Begriffe, die Menschen „mit Migrationshintergrund“ nicht mehr hören wollen – was sind in diesem Zusammenhang Ihre Unworte?
Da gibt es ja eine ganze Reihe: Mensch mit Einwanderungsbiografie, Migrationshintergrund, Integration – das sind alles sehr technokratische Begriffe aus der Wissenschaft, mit denen auch Politik gemacht wird. Sie sind also teilweise populistisch aufgeladen und oft negativ belastet. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand Türkin zu mir sagt oder eben Deutsche, denn ich bin ja beides. Statt des Begriffs „Integration“ benutze ich zum Beispiel „Zusammenleben“ und das funktioniert sehr gut.

Gibt es nicht gerade bei Journalisten eine gewisse Unsicherheit?

Eigentlich haben wir das Thema seit gerade einmal zehn Jahren und beginnen erst jetzt, uns wirklich damit auseinander zu setzen. Wir brauchen also alle noch etwas Zeit, um uns mit dem Vokabular zurechtzufinden. Mein Leben dreht sich auch nicht ständig darum, ob ich nun Deutsche oder Türkin bin, und ich frage mich auch nicht jeden Abend, ob ich einen gut integrierten Tag hatte. Ich bin ein großer Fan der Vermischung. Wir sollten uns alle lieben, heiraten, zusammenkommen. Das ist doch ein wertvoller Reichtum, der so entsteht. Und dann dauert es noch eine Generation und wir haben uns alle lieb.
 
Das Gespräch führte Alice Lanzke.

„Einmal Hans mit scharfer Soße“ kommt am 12. Juni 2014 in die deutschen Kinos. Bei Birlikte ist der Film in einer Vorpremiere zu sehen: am 8. Juni um 11.30 Uhr im Depot 1 des Schauspiel Köln, Carlswerk.

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