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Genozid an den Herero und Nama

Der Genozid im heutigen Namibia ist Teil der im öffentlichen Diskurs weitgehend vernachlässigten Deutschen Kolonialgeschichte. Erst kürzlich zeigte sich die Ignoranz gegenüber der Thematik durch die deutsche Bundesregierung. Eine Delegation der namibischen Regierung war am 30. September 2011 zur Übergabe von 20 Schädeln von im Genozid getöteten Herero und Nama angereist. Den Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung durch die Bundesregierung, kam die Rednerin, Staatsministerin Cornelia Pieper von der FDP, allerdings nicht nach. Stattdessen bat sie um Versöhnung.

Der Aufstand der Herero
Namibia war von 1884 bis 1915 die deutsche Kolonie Deutsch-Südwestafrika. In der Kolonie herrschten Zustände, die die einheimischen Bevölkerungsgruppen zunehmend in Existenznot brachten. Aufgrund von Missionierung, Unterdrückung und Ausbeutung durch den deutschen Kolonialismus sowie sexuelle Übergriffe auf die Herero-Frauen kam es am 12. Januar 1904 zum Aufstand der Herero.
 
Die 769 Soldaten der Deutschen Schutztruppe und die 2.000 Siedlerinnen und Siedler konnten den 7.500 aufständischen Herero kaum einen nennenswerten Widerstand entgegensetzen. Gouverneur Leutwein, der die Herero nicht vernichten wollte, um sie weiterhin als Arbeitskräfte für die Kolonie zu nutzen, wurde daraufhin wegen seines nachgiebigen Umgangs entmachtet. Neuer Oberbefehlshaber wurde Generalleutnant von Trotha, der eine schnelle militärische Niederschlagung vorantrieb.
 
Durch die Hinzuziehung von 1.250 Offizieren und Soldaten sowie einer umfangreichen Artillerie wurden die Herero in der Schlacht bei Hamakari am Waterberg am 11. August 1904 vernichtend geschlagen. Soldaten trieben die überlebenden Herero in die Omaheke-Sandwüste. Von den 7.500 Herero schafften es bis in den März hinein nur 500. Die meisten Überlebenden wurden in Internierungslagern, offiziell auch als Konzentrationslager bezeichnet, festgehalten. Eines der schlimmsten Lager war die Haifischinsel in der Lüderitzbucht, wo die Inhaftierten unter unmenschlichen Bedingungen zu Zwangsarbeit genötigt wurden. Beim Bau der Eisenbahn starben 1.359 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, also fast 70 Prozent der dort Festgehaltenen.
 
Der Genozid an den Herero kostete mehr als 75 Prozent der Herero-Bevölkerung, die vorher rund 80.000 Menschen zählte, das Leben. Der Grundbesitz der vertriebenen und ermordeten Herero ging ins Eigentum der deutschen Kolonialregierung über.

Der Aufstand der Nama
Beunruhigt durch die Niederlage der Herero erhoben sich am 6. Oktober 1904 auch die Nama. Noch wenige Monate zuvor waren sie dem Appell der Herero für ein gemeinsames Vorgehen nicht gefolgt. Forderungen der deutschen Siedlerinnen und Siedler nach Entwaffnung und Enteignung der Nama machten den Nama allerdings deutlich, dass es ihnen ähnlich wie den Herero ergehen könnte. Auch die schlechte wirtschaftliche Situation sowie Übergriffe auf Nama-Frauen und –Mädchen waren weitere Gründe für das Aufbegehren der Nama. Im Gegensatz zu den Herero entschieden sich die Nama für eine Guerilla-Taktik. Die Rebellion hielt bis zum Februar 1909 an, als der letzte geflohene Aufständische von den Briten an die deutschen Kolonialbehörden ausgeliefert wurde.
 
Durch die blutige Niederschlagung der Rebellion und die Inhaftierung in den Internierungslagern halbierte sich die Bevölkerungszahl der Nama innerhalb von fünf Jahren von einst 20.000 auf rund 10.000. Den Überlebenden wurde verboten, Land zu kaufen, in größeren Gemeinschaften zu leben und Mischehen zu führen. Zudem wurde die Arbeits- und die Ausweispflicht eingeführt.

Verweigerung von Wiedergutmachung
Seit 1995 fordern die Nachkommen der Opfer des Genozids Wiedergutmachungen von Deutschland. Bisher vergeblich. Der Genozid wird von der deutschen Bundesregierung nicht als solcher anerkannt. Dabei wird sich zumeist darauf berufen, dass die völkerrechtlichen Normen erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurden, es also keine rechtliche Grundlage für die Widergutmachungsforderung gebe. Dem Dialog mit den Herero und Nama wird gezielt aus dem Weg gegangen.
 
Am nächsten an eine Entschuldigung kam Joschka Fischer 2003 in seiner damaligen Funktion als deutscher Außenminister bei einer Rede auf der Weltrassismus-Konferenz. So drückte er sein tiefes Bedauern aus und sprach davon, „Verantwortung zu übernehmen und sich seiner historischen Verpflichtung zu stellen“. Das Auswärtige Amt wirkte Hoffnungen auf Entschädigung entgegen, indem es alsbald erklärte, dass es sich bei Fischers Rede nicht um eine offizielle Entschuldigung gehandelt habe. Auch Fischer gab im Nachhinein bekannt, dass es keine „entschädigungsrelevante Entschuldigung“ geben werde. Wie der jüngste Vorfall in der Berliner Charité zeigt, wird dieses Auffassung noch immer von der Bundesregierung vertreten.

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