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Premiere von „Kriegerin“

Die „Kriegerin“ zeigt das widersprüchliche Leben einer Frau in der Neonaziszene. Am 11. Januar 2012 fand die Premiere von David Wnendts Regiedebut „Kriegerin“ statt. Der Regisseur des mehrfach ausgezeichneten und definitiv sehenswerten Films macht nun, vor dem Kinostart am 19.1., eine kurze Tour, um den Film in einigen Städten vorzustellen. Auch Mut gegen rechte Gewalt hat für den Film geworben, wie sich bei der Premiere zeigt, zu recht.
 
Von Fabian Sieber

In der bis auf den letzten Treppenplatz besetzten Schauburg in der Dresdner Neustadt wurde der Film nach der Premiere lebhaft diskutiert. Neben den Fragen unter Filmstudierenden, die vor allem künstlerische Aspekte betrafen, wurde vor allem die Art der Darstellung, der im Film dokumentierten Neonazi-Szene in den Mittelpunkt gesetzt.

Gut und sehenswert
 
Die 20-jährige Marisa ist eine überzeugte Rechtsextremistin, am ganzen Körper hat sie Tattoos, die ihre Einstellung kundtun. Als sie zwei Asylsuchende absichtlich mit ihrem Auto anfährt, bekommt sie Gewissensbisse und fängt an, das Leben in der Szene zu hinterfragen. Zu diesem Zeitpunkt kommt die 15-jährige, bürgerliche Svenja in die Szene. Durch den Versuch einem der Asylsuchenden zu helfen und Svenja vor der Szene zu bewahren, „setzt Marisa eine Kette von Ereignissen in Gang, die sie nicht mehr kontrollieren kann.“
 
Der Film ist gut und sehenswert. Wnendt ist es vor allem durch seine umfangreiche Recherche, wofür er sich unter anderem auf Neonazi-Datingforen anmeldete, gelungen, einen Einblick in einen kleinen Bereich der Neonaziszene in Deutschland zu liefern. Insbesondere die Wahl einer weiblichen Protagonistin macht den Film einzigartig. Die Filme, die sich bisher mit der Neonaziszene beschäftigten, marginalisierten die Frauen in der Szene im Wesentlichen, degradierten sie zu Mitläuferinnen. Wnendt jedoch beschreibt die Frauen in der Neonaziszene als „genauso rassistisch, radikal und gewaltbereit wie die Männer.“ Mit diesem Film wird ein realistisches Bild gezeichnet, und der Widerspruch, mit dem die Frauen in der Szene leben müssen, betont. Denn obwohl sie in der Szene durchaus vorhanden sind, und ihren männlichen Mitstreitern in nichts nachstehen, haben sie trotzdem eine Rollenzuschreibung, die ihrem Selbstbild entgegensteht. Normalerweise werden Frauen in der Szene zu „Hausfrauen und Müttern“ herabgesetzt, während die Männer über wichtige Dinge entscheiden. Auch die 20-Jährige Marisa wird mit diesem Problem konfrontiert.

Gewalt gezeigt, aber nicht verherrlicht
 
Dem Film gelingt es, die Gewalttätigkeit der Szene – auch innerhalb derselben -  zu zeigen und zu dokumentieren, ohne dabei in Gewaltexzesse zu verfallen. Wnendt schafft es, diese Art von Gewalt als zutiefst abstoßend darzustellen. Mit dem exzessiven Zeigen physischer Gewalt, als Machtausübung eines Menschen über andere Menschen, geht gleichzeitig auch immer eine Glorifizierung derselben einher,  wie beispielsweise bei dem Film „Romper Stomper“ aus dem Jahr 1992. Die "Kriegerin" hingegen, kann hier als pädagogisch wertvoll angesehen werden, da sie diese Form der Gewalt hinterfragt.  Der Film wirft verschiedene Fragen auf, ohne diese zu beantworten. Somit stellt er eine gute Grundlage für Diskussionen dar.

Die Kritiken im Vorfeld des Films, bezüglich der Reproduktion von Klischees, sind nur zum Teil berechtigt. Der Film ist keine Reportage über die verschiedenen Facetten und Subkulturen der rechtsextremen Szene in Deutschland, sondern ein Drama. Aus diesem Grund kann ihm auch nicht vorgeworfen werden, nur ein bestimmtes Klischee zu bedienen, schließlich hat er keinen dokumentarischen Anspruch. Mit der Fixierung auf so wenige Personen ist es möglich, ihre Handlungen zu hinterfragen und so erläutern. Gleichzeitig kann man damit nur einen kleinen Teilausschnitt beleuchten, eine Momentaufnahme eines bestimmten Mikrokosmos geben.  Jedoch ist die Auswahl der Nazi-Skinszene, die inzwischen nur noch einen kleinen Teil der rechtsextremen Jugendkultur ausmacht, unglücklich. Somit werden bestehende Stereotypen reproduziert, obwohl es essenzieller ist, neue Erscheinungsformen zu zeigen, die neuen Subkulturen, in denen sich Neonazis wohlfühlen. Das ist schade, denn Wnendts Recherchen zu der Problematik waren sehr ausführlich.

Beachtliche Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen
 
Wnendt entschied sich für den Soundtrack keine „echte“ Musik der Neonazis zu nehmen und vermied somit Lizenzgelder an Neonazibands zu bezahlen. Stattdessen wurde eigene Musik vertont, mit ebenso radikalen Texten und bei Neonazis bevorzugten Musikstilen wie RAC. Damit läuft der Film aber Gefahr, neue Musik für die rechte Szene zu schaffen, wie es damals auch bei „Romper Stomper“ geschehen ist. Wnendt ist nicht der einzige Regisseur, der dieses Problem hat, und dieser Punkt ist nicht als Kritik zu verstehen, sondern eher als Anregung. Es ist zu überlegen, wie dieses Problem oder besser gesagt Risiko in zukünftigen Produktionen vermieden werden kann.
 
Beachtlich ist die Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen, denen es gelungen ist, einen Einblick in die Gefühlswelt ihrer Rollen zu vermitteln. Vor allem in einem Film, in denen man die Rollen von Rechtsextremistinnen einnimmt ist das sehr schwierig. Doch Alina Levshin und Jella Haase schaffen es, bei den Zuschauer_innen Sympathie für ihre Rollen zu entwickeln, bei gleichzeitiger Antipathie für die Szene und ihre Ideologie.
 
Die „Kriegerin“ profitiert sicherlich von den aktuellen Ereignissen rund um den NSU, wurde aber vor Bekanntwerden desselben gedreht. Das zeigt, dass dem Regisseur mehr an dem Thema liegt, als einfach nur auf die öffentliche Welle aufzuspringen. „Kriegerin“ macht auf eine Problematik aufmerksam, die zu oft vernachlässigt wurde und inzwischen wieder wird. Der Film gibt uns einen Einblick in eine radikale, menschenverachtende und auch zutiefst widersprüchliche politische Szene.

Hauptdarstellerin Alina Levshin (Marisa) vor einem Kinoplakat, foto: kbuero 2012 c