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Kommentar

Grass-Gedicht: Kritik oder Antisemitismus?

Foto: Sebastian Niedlich, via flickr, cc

Kaum ein Gedicht in Deutschland hat je zu so einer breiten Debatte geführt wie jenes von Günter Grass. Die Kritik am Gedicht überwiegt, aber es gibt auch Lob. Ist Grass ein Antisemit oder ein mutiger Friedenskämpfer gegen bundesdeutsche Tabuzonen?

Ein Gastbeitrag von Jan Riebe

Die Debatte um das Gedicht wirft zum wiederholten Male die Frage auf, wann Kritik an Israel wirklich nur Kritik ist und wann antisemitisches Ressentiment? Diese Frage diskutiert nicht nur das Feuilleton, dies ist auch seit Längerem ein wichtiges Thema für die Jugend-, Sozial, und Bildungsarbeit. Daher bietet die Amadeu Antonio Stiftung auch in diesem Jahr für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dazu Fortbildungs- und Sensibilisierungsworkshops an.

In Debatten um Kritik an Israel wird immer wieder von antisemitischer Israelkritik geredet. Dieser Begriff ist irreführend. Das Wort Kritik leitet sich vom griechischen Wort krínein ab, meint (unter-)scheiden, beurteilen. Im Antisemitismus wird jedoch nicht unterschieden oder beurteilt. Das Urteil steht stets schon vor Prüfung der Sachlage fest: Die Schuldigen sind immer „die Juden“ oder eben Israel, als imaginierter „kollektiver Jude“. Entweder eine Äußerung ist kritisch oder antisemitisch – beides geht nicht.

Aber äußert Grass in seinem Gedicht Kritik an Israel oder hat er antisemitische Ressentiments zu Papier gebracht? Um das zu beurteilen, sollen erst einmal Kriterien zur Unterscheidung vorgestellt werden.

Der 3D-Test

Die bekanntesten Kriterien zur Unterscheidung zwischen Kritik und israelbezogenem Antisemitismus hat  Natan Sharansky im 3D-Test entwickelt. Israelbezogener Antisemitismus liegt dann vor, wie der Name schon sagt, wenn sich antisemitische Ressentiments auf den Staat Israel beziehen. Im 3D-Test geht es dementsprechend darum Kriterien, die aus dem klassischen Antisemitismus bekannt sind, auf den israelbezogenen Antisemitismus anzuwenden.

Das erste D ist der Test auf Dämonisierung. Während im klassischen Antisemitismus Jüdinnen und Juden dämonisiert wurden, wie z.B. in der literarischen Darstellung von Shakespeares Shylock, so liegt in Bezug auf Israel laut Sharansky dann Antisemitismus vor, wenn Israel dämonisiert wird. Beispiele dafür sind die häufig anzutreffende Vergleiche Israels mit dem Nationalsozialismus.

Das zweite D ist der Test auf Doppelstandards. Während es früher wie heute ein deutliches Zeichen von Antisemitismus war und ist, wenn Jüdinnen und Juden anders als andere Menschen behandelt werden, z.B. durch diskriminierende Gesetze, gelte in Bezug auf Israel stets die Frage zu stellen „ob die Kritik an Israel selektiv angewendet wird. Mit anderen Worten, erzeugt ähnliche Politik anderer Regierungen die gleiche Kritik, oder wird hier ein doppelter Standard eingesetzt“?

Das dritte D ist der Test auf Delegitimierung. Wenn „die Legitimität der jüdischen Religion, des jüdischen Volkes, oder von beiden“ negiert wird, liegt Antisemitismus vor. Übertragen auf Israel bedeutet dies, Antisemitismus liegt dann vor, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird.

Ein von Sharansky nicht direkt erwähnter Punkt sind Assoziationen. Antisemitismus liegt vor, wenn in Äußerungen über Israel Assoziationen benutzt werden, die antisemitische Bilder bedienen.

Kein Schwangerschaftstest

Dieser 3D-Test funktioniert nicht wie Schwangerschaftstest, wo innerhalb kurzer Zeit sehr zuverlässig gesagt werden kann: schwanger oder nicht schwanger bzw. antisemitisch oder nicht antisemitisch. Auch gibt es bei Schwangerschaftstest keine Zwischenstufen wie „ein bisschen schwanger“, diese Graustufen gibt es bei der Unterscheidung Kritik oder antisemitisches Ressentiment durchaus. Wenn jemand doppelte Standards zur Beurteilung Israels anwendet, kann dies auf antisemitische Ressentiments zurückzuführen sein, dies kann aber auch andere Gründe haben. Trotzdem sollten hier die Warnlampen angehen und nachgehakt werden. Deshalb kann der 3D-Test als Warnsystem zur Beurteilung von bestimmten Aussagen sehr hilfreich sein, aber auch Aussagen als eindeutig antisemitisch erkennen lassen.

Das Problem ist jedoch, dass mit diesem 3D-Test im Regelfall nur eruiert werden kann, ob Aussagen antisemitisch sind oder nicht. Antisemitismus ist jedoch eine Welterklärungsideologie. Deshalb sollte man nicht bei der Untersuchung einzelner Aussagen verbleiben, sondern über deren Beurteilung hinaus klären, inwiefern jemand in einem antisemitischen Weltbild verhaftet ist.

Antisemitismus als  Welterklärungsideologie

Um Antisemitismus zu erkennen, ist es oftmals notwendig sich intensiv mit der Geschichte des Antisemitismus zu befassen, um diese, in der Form variierenden, aber vom Inhalt nahezu gleich bleibenden antisemitischen Ressentiments zu erkennen.

In der antisemitischen Welterklärungsideologie spielen Assoziationen eine wichtige Rolle. So generieren sich Antisemitinnen und Antisemiten oft als Tabubrecher. Für sich allein genommen, ist die Behauptung ein Tabu zu brechen erst einmal nicht unbedingt anrüchig. In Bezug auf Israel sollte es jedoch aufhorchen lassen: „Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen“ oder wie bei Grass „Was gesagt werden muss“, dieser Satz impliziert, dass dies aber nicht gesagt werden darf. Auch hier sollte ein Warnlämpchen angehen. Gibt es das Tabu wirklich von dem gerade die Rede ist? Und wer setzt angeblich dieses vermeintliche Tabu durch? Nicht nur bei Grass landen wir da sehr schnell bei der vermeintlichen Auschwitz- bzw. Antisemitismuskeule. Der Vorwurf: Jüdinnen und Juden und der Staat Israel instrumentalisieren das Gedenken an die Shoa gegen unerwünschte Kritik. Grass bedient sich diesem antisemitischen Ressentiment gerade zu mustergültig. Die „schwere Last der deutschen Geschichte“, die seine Generation tragen müsse, habe dazu geführt, dass „wir Deutsche“ gegenüber Israel nicht die Wahrheit aussprechen dürften. Auf die Gegenfrage, wie Grass zu dieser Einschätzung komme, immerhin habe erst 14 Tage zuvor der deutsche Verteidigungsminister mögliche Angriffspläne Israels auf den Iran scharf verurteilt, ohne dafür kritisiert oder gar mundtot gemacht zu werden, wich Grass aus.

Solche Kritik wie die vom Verteidigungsminister meinen deutsche „Israelkritiker“ nicht. Dies zeigte sich auch nach der Entscheidung der israelischen Regierung, Grass zukünftig die Einreise nach Israel zu verweigern. Fast einhellig wurde diese Entscheidung kritisiert. Niemand kam auf die Idee diese Kritik als antisemitisch zu bezeichnen oder von einer Gleichschaltung der Presse zu reden. Den „Israelkritikern“ geht es auch nicht in erster Linie um den Nahostkonflikt oder den Konflikt um die iranische Bombe, ihnen geht es um die deutsche Geschichte. Hier überschneidet sich sekundärer und israelbezogener Antisemitismus. Grass macht sehr deutlich, dass es ihm darum geht, endlich die „schwere Last der deutschen Geschichte“ über Board werfen zu können. Dies funktioniert besonders gut, wenn er das auch wegen der Shoa gegründete Israel für einen neuen „Holocaust“ verantwortlich machen kann. Dies und nichts anderes tut Grass mit dem Vorwurf Israel wolle das iranische Volk „auslöschen“.

Täter-Opfer-Umkehr

Konstituierender Bestandteil antisemitischer Ressentiments ist im Regelfall auch die Täter-Opfer-Umkehr. Während die Führer des Irans, Khamenei und Ahmadinedjad, in regelmäßigen Abständen ankündigen „Israel von der Landkarte tilgen“, bzw. das „zionistische Krebsgeschwür beseitigen“ zu wollen, kommt Grass zu dem bemerkenswerten Schluss, es sei genau umgekehrt, nicht der Iran bedrohe Israels Existenz, sondern Israel hege Vernichtungsfantasien gegen den Iran. Grass wirft Israel vor sich das Recht herauszunehmen mit einem „Erstschlag",  einem Begriff der nur im Zusammenhang mit Nuklearwaffen genutzt wird, das iranische Volk auszulöschen. Grass schreibt nichts anderes, als dass Israel in Erwägung zieht 75 Millionen Iranerinnen und Iraner mit Atomwaffen zu ermorden. Worauf will Grass damit raus? Der Mord an 75 Millionen unschuldigen Menschen stände dem Holocaust in seiner Dimension in nichts nach. Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Dies wird auch so verstanden: „Grass hat Recht: aber wer wird ihm helfen, diesen atomaren Holocaust zu verhindern?“ fragt beispielsweise ein Leser in der Kommentarspalte von Focus-Online.
 
Grass kann als Friedensbewegter gegen einen möglichen Krieg das Wort ergreifen, wie der Nicht-Friedensbewegte deutsche Verteidigungsminister das Wort ergriffen hat, ohne auch nur in den Geruch des Antisemitismus zu kommen. Aber auf die Idee zu kommen Israel wolle das iranische Volk auslöschen, zettle gar einen atomaren Weltkrieg an, zeigt die antisemitische Gesinnung von Grass. Hier bedient sich Grass gleich des nächsten antisemitischen Ressentiments, dem vom jüdischen Weltbrandstifter.
 
Die Liste mit Beispielen, die zeigen, dass der Dichter antisemitische Ressentiments bedient, Israel dämonisiert und eben nicht Kritik äußert, ließe sich fortführen. Auch Grass ist ein weiterer Beleg dafür, dass unterm Vorwand der Kritik an Israel häufig antisemitische Ressentiments geäußert werden.

Eine des Antisemitismus unverdächtige Kritik an Israel ist möglich, aber selten...

Schon 2004 stellte das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung fest: "Eine des Antisemitismus unverdächtige Kritik an Israel ist möglich, aber selten. Nur 10% der Befragten, die im GMF [Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit]-Survey 2004 eine Kritik an Israel ohne antisemitische Anleihen äußerten, signalisierten keine Zustimmung zu mindestens einer weiteren Facette des Antisemitismus. Die Mehrheit dieser Befragten kritisierte ebenso die palästinensischen Angriffe auf Israel und wendete sich generell gegen Gewalt als Mittel der Konfliktlösung. Ihre politische Position markieren sie eher als "links" oder "Mitte", sie sind besser gebildet als der Durchschnitt, weniger nationalistisch und autoritär gestimmt und erweisen sich auch gegenüber anderen Gruppen als toleranter."  Daran dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben.

Workshopangebot

Während die aktuelle Debatte über israelbezogenem Antisemitismus in einigen Tagen weitgehend beendet sein wird, sind Multiplikatorinnen, Erzieher und Akteurinnen der Jugend-, Sozial-, und Bildungsarbeit regelmäßig damit konfrontiert. Dies überfordert die Fachkräfte schnell, häufig fehlt es an Wissen zu Formen israelbezogenem Antisemitismus und Interventionsmöglichkeiten. Um dem entgegenzusteuern, wird die Amadeu Antonio Stiftung auch dieses Jahr für diese Zielgruppe Workshops zu dem Thema anbieten.

Ziel der Workshops ist es Unsicherheiten, Voreingenommenheit und Ängste der Teilnehmenden rund um den Themenkomplex Antisemitismus, Antisemitismusvorwurf und Kritik an Israel zu reflektieren und Wissen dazu zu vermitteln. Die Workshops thematisieren zudem, welche Funktion israelbezogener Antisemitismus gerade in Bezug auf die deutsche Geschichte hat, und wollen dazu beitragen, mehr Sicherheit in der Unterscheidung von Antisemitismus und legitimer Kritik zu vermitteln und aufzeigen, wie Handlungsstrategien gegen israelbezogenen Antisemitismus aussehen können.

Während im letzten Jahr das Angebot den Schwerpunkt alte Bundesländer hatte, wird dieses Jahr der Schwerpunkt auf den neuen Bundesländern liegen.

Jan Riebe ist Mitarbeiter der Amadeu Antonio Stiftung und koordiniert die Aktionswochen gegen Antisemitismus.