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Interview

"Wir haben es heute oft mit viel komplexeren Problemzusammenhängen zu tun"

EXIT Deutschland verteilt die eigenen Flyer auch bei Nazi-Aufmärschen, Foto: EXIT Deutschland ©

Seit zwölf Jahren hilft EXIT Deutschland Menschen, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen. Wir sprachen mit EXIT-Mitarbeiter Fabian Wichmann über das vergangene Jahr 2012, alte Probleme und neue Entwicklungen.

Was war dein „EXIT-Highlight“ des Jahres?
 
2012 ist viel passiert. Ganz besonders haben wir und über die zahlreichen Preise gefreut, die wir für unsere „Operation Trojaner T-Hemd“ gewonnen haben. Der für uns wahrscheinlich wichtigste Preis war der Politik Award, die renommierteste Auszeichnung für Arbeiten aus dem Bereich der politischen Kommunikation. Die Ehrung mit dem Politik Award ist insofern etwas ganz besonderes, da der Wert dieser Aktion als völlig neue Form der Zielgruppenansprache erkannt wurde, das freut uns sehr. Zahlreiche weitere Werber-Preise, wie der GWA-Award oder der Goldene Nagel des ADC New York und den Cannes Lions, zeigen, dass unsere Aktion einen Nerv getroffen hat – die internationale Aufmerksamkeit ist groß.

Sind denn vergleichbare Aktionen auch in Zukunft geplant?

Natürlich würden wir uns freuen, wenn die Operation Trojaner T-Hemd nicht unser einziger Coup bleiben würde. Wir arbeiten an neuen Ideen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die T-Shirt-Aktion ein Jahr lang entwickelt wurde, bevor wir sie dann tatsächlich umsetzen konnten.

Wir bleiben gespannt!

Meistens läuft unsere Arbeit natürlich deutlich weniger spektakulär ab, was nicht heißt, dass sie weniger wichtig wäre. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise verschiedene Veranstaltungen, unter anderem mit der Friedrich Ebert Stiftung durchgeführt. Auch unser Fachtag im Landkreis Dahme-Spreewald hat 2012 zum zweiten Mal stattgefunden, bei dem wir uns mit dem Thema „Vorbeugen und Bekämpfen rechtsextremen Handelns“ auseinandersetzten und uns verstärkt an den Bedürfnissen des Landkreises orientierten. Sehr gut angekommen sind unsere Postkarten- und Plakataktionen, die Kampagne „Mein Früher“ beispielsweise, mit der wir bei Neonazi-Aufmärschen Kontra-Propaganda betrieben haben, um EXIT in der Szene bekannter zu machen.
 
Der Kern eurer Arbeit ist die Unterstützung von Neonazi-Aussteigern. War 2012 ein gutes Jahr?

Seit der Gründung im Jahr 2000 hat EXIT Deutschland 481 Menschen bei ihrem Ausstieg begleitet. Allein 2012 haben wir mehr als 50 Personen in ihrem Ausstieg begleitet. Besonderer Schwerpunkt war dabei immer die Integration in den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus haben wir Eltern und Angehörige - soweit uns dies möglich war - beraten, deren Kinder oder Bekannte in die rechtsextreme Szene abzurutschen drohten. Eine Arbeit für die wir aktuell keinerlei Förderung erhalten – aber wegschicken können wir die Eltern ja auch nicht.

Hat sich die Arbeit mit potentiellen Aussteigern in den letzten Jahren verändert?

Ja. Wir haben es heute oft mit viel komplexeren Problemzusammenhängen zu tun. Neben Einzelpersonen, die sich von der rechten Szene lösen wollen, sind es heute vermehrt auch Familien, Mütter mit Kindern, die sich für einen Ausstieg entscheiden. Da spielen ganz andere Herausforderungen eine Rolle, die Stigmatisierung der Kinder in der Schule beispielsweise, die polizeiliche Bewertung von abstrakter und konkreter Gefährdung aber auch ganz alltägliche Fragen der Erziehung und Sicherheitsprobleme die dann nicht mehr nur auf eine Person beschränkt sind.  Aber es geht auch immer wieder  um Familienrechtliche Probleme im Bereich des Sorge- oder Umgangsrecht, etwa wenn die Mutter aussteigt, der Vater aber weiterhin strammer Neonazi ist.

Wie kann man sich den typischen Aussteiger vorstellen?

Den „typischen“ Aussteiger gibt es nicht, aber man kann feststellen, dass die  Ausstiegswilligen überwiegend männlich sind, aber etwa ein Drittel ist weiblich. Das Spektrum reicht vom „alten Skinhead“ bis hin zum „Autonomen Nationalisten“. Letztere sind zunehmend stärker vertreten. Auch sind es weniger die Mitläufer, die sich an uns wenden. In der Mehrzahl waren die Menschen, die wir beim Ausstieg begleiten sogar auf Führungsebene bzw. Kaderebene aktiv. Das sind im Grunde fitte Leute, mit einem sehr genauen Bewusstsein für das, was sie machen oder gemacht haben. Ebenso bewusst entscheiden sie sich dann aber auch für den Ausstieg. Die Szene verändert sich beständig, eine Entwicklung die wir alltäglich erfahren und auf die wir angepasst reagieren müssen.

Du sagst, nur ein Drittel der Aussteiger ist weiblich. Das ist doch recht viel, oder nicht?

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Neonazis Frauen sind, insofern bildet der Anteil weiblicher Aussteiger das ziemlich genau ab. Dennoch steigt die Zahl von Frauen, die sich bei uns melden spürbar an. Das liegt vermutlich auch an den Strukturen der Autonomen Nationalisten. Dort haben Frauen eine deutlich aktivere Rolle als in herkömmlichen Kameradschaftszusammenhängen.

Hat sich die Zahl der Ausstiegswilligen nach der Selbstenttarnung des NSU erhöht?

Nein, das kann ich so pauschal nicht bestätigen. Es gibt natürlich immer Schwankungen, aber einen messbaren Effekt hatte das nicht. Im Grunde genommen kann man sagen, dass die ganze NSU-Geschichte in der rechten Szene entweder still gefeiert oder als komplette Verschwörungstheorie abgetan wird. In der Politik und der Allgemeingesellschaft werden die Taten des NSU nicht gefeiert aber wir finden dort Externalisierungs- und Entschuldungsversuche. Es ist fatal, dass im Hinblick auf die rechtsextreme Mordserie fast ausschließlich die Dimension des staatlichen Versagens wahrgenommen wird. Die Gesellschaft nimmt sich da selbst völlig aus der Verantwortung. Wir können das kaum fassen, vor einem Jahr dachten wir wirklich, die zehn Morde seien eine Zäsur gewesen, dass ein Umdenken stattfinden würde und dass sich dieses Umdenken in Handlungen materialisiert. Stattdessen ist die Bestürzung schnell in Vergessenheit geraten, es haben – von der Einrichtung der Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene abgesehen – keine richtungsweisenden Aktionen der Politik stattgefunden, einzig symbolische Akte und Äußerungen.

Was ist für das kommende Jahr geplant?

Dieses Jahr waren wir international viel im Gespräch und konnten unsere Beziehungen zum Beispiel im skandinavischen oder auch britischen Raum ausbauen. In diesem Bereich finden sehr interessante Entwicklungen statt, die wir 2013 weiter verfolgen möchten. Aber auch hierzulande steht einiges an, wir konnten uns durch Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen, wie in Hamburg, Braunschweig oder Göttingen, verstärkt in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Das möchten wir weiter voranbringen. Im Bereich Schule und Bildungsarbeit haben wir viel positives Feedback bekommen, wenn Aussteiger Schülerinnen und Schülern von ihren Erfahrungen berichten ist das sehr authentisch, das werden wir auch 2013 fortsetzen. Unsere Ausstellung „Lebensbilder“ ist noch bis Ende 2012 in Braunschweig zu sehen, sie gibt Einblicke in den oft sehr schwierigen Prozess des Ausstiegs und soll darüber hinaus eine Initialzündung für die inhaltliche Auseinandersetzung sein, wir bieten viele Workshops und Vorträge als Begleitprogramm an. Wir wünschen uns natürlich, dass sie dann weiterzieht – wer Interesse hat, kann sich gerne bei uns melden!

Weil bald Weihnachten ist, hast du einen Wunsch frei…

Ich wünsche mir, dass die Politik den Wert unserer Arbeit erkennt, den Wert von De-Radikalisierung und der direkten Intervention. Wenn ein ehemaliger Neonazi den Kameraden den Rücken kehrt, wird das in der rechten Szene stark diskutiert, es findet eine Auseinandersetzung mit der eigenen Politik statt. Mal ganz abgesehen von den Kosten für die Rückfallverhütung, die durch unsere sehr gezielte Arbeit vermieden werden. Was so ein Ausstieg - individuell wie auch gesellschaftlich - bedeuten kann, wird leider von staatlichen Stellen fast gar nicht wahrgenommen. Wir arbeiten mit EXIT seit 12 Jahren am Feld – Erfahrungswerte und Erfolge die kein anderer Träger in dem Feld vorweisen kann. Ich wünsche mir, dass der verbale Zuspruch, den wir von der Politik erhalten, in Zukunft auch praktisch unterfüttert wird.
 
Das Interview führte Ulla Scharfenberg
 
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