Sie sind hier

Aktuelle Aktionen

"Demos schaffen die notwendige Öffentlichkeit"

"Thor Steinar" ist eine der beliebtesten Kleidermarken von Neonazis. Gegen eine Etablierung der Geschäfte im öffentlichen Raum gibt es vielerorts Proteste, wie hier in Berlin-Friedrichshain. Foto:via flickr, cc david

Das Nordostberliner Bündnis „Kein Kiez für Neonazis“ und die „Initiative gegen Rechts Friedrichshain“ veranstalteten am 9. März 2013 einen Berliner Aktionstag gegen die rechten Bekleidungsmarken  „Thor Steinar“ und „Label 23“ und deren Verkauf. Den Tag über beteiligten sich rund 300 Menschen an den Kundgebungen und Demonstrationen.
Über Motivationen, Hintergründe zum Aktionstag und die Situation in den Berliner Bezirken sprachen wir mit der Initiative „Kein Kiez für Neonazis“.

Was versteckt sich hinter „Kein Kiez für Nazis“? Wie setzt sich die Initiative zusammen? Seit wann gibt es euch, was war der Anlass? Wer kann bei euch mitmachen?

Die Initiative „Kein Kiez für Nazis“ gibt es so gesehen seit 2008. Damals kam es zu einer ganzen Reihe an Angriffen und Bedrohungen gegen jüngere AntifaschistInnen im Pankower Stadtteil Niederschönhausen. Unter der Losung „Kein Kiez für Nazis“ wurde ein Bündnis ins Leben gerufen, um dem etwas entgegen zu setzen. Mit rund 1000 Leuten demonstrierten  wir damals im November 2008 in Niederschönhausen. Die Nazis der NPD und der „Vereinten Nationalisten Nordost“, die damals für die Bedrohungen verantwortlich waren, gerieten ganz schön unter Druck. Ihre Stammkneipen haben im Zuge längerfristiger Arbeit einbüßen müssen.

2010, als es in Weißensee, Wedding und anderen Bezirken zu Aktionen der „Freien Nationalisten Berlin Mitte“ kam, haben wir das Label wieder reanimiert. Seit dem ist „Kein Kiez für Nazis“ eine Vernetzungs- und Aktionsplattform im Großraum Nordostberlin.  Wir sind in unserer Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Kiez, Parteien usw. sehr offen. Wogegen wir uns allerdings wehren, ist die Gleichsetzung zwischen rechts und links.

Warum die Fokussierung auf die Bekleidungsgeschäfte?

Das ergab sich durch die Eröffnung des „Thor Steinar“-Ladens „Tönsberg“ im Oktober 2011. Zudem mussten wir im November 2012 feststellen, dass die Bekleidungsmarke „Label 23“ in Weißensee im „7 Guns“ verkauft wird. Das ist ein ganz normales Modegeschäft. So kam unser Engagement zustanden.

Mit welchen Aktionen habt ihr auf euer Anliegen aufmerksam gemacht?

Nach der Eröffnung des „Tönsberg“  gründet sich das Bündnis „Weißensee gegen Rechts“, mit dem wir im Jahr 2012 einige Aktionen gegen „Thor Steinar“ veranstaltet haben. Es gab zum Beispiel eine Licht- Graffiti -Aktion am 4. Mai 2012 oder ein ganztätiges Open Air am 9. Juni in unmittelbarer Nähe des Ladens. Seit September 2012 stehen auf dem Antonplatz auch Kleidercontainern, wo Leute ihre „Thor Steinar“-Kleidung einwerfen können. Ist aber eher eine symbolische Sache.

Denkt ihr, dass bspw. Demonstrationen vor den Geschäften wirklich was bringen?

Wenn ihr uns fragt, gibt es in Berlin mittlerweile zu viele Demos, einfach weil die individuellen Möglichkeiten dafür mehr vorhanden sind. Die wenigsten dieser Aktionen bewirken praktisch etwas gegen diese Läden, schaffen aber die notwendige Öffentlichkeit.
Wir denken, dass der Druck auf den Vermieter wichtig ist. Denn Klaus Rosenthal, der Inhaber des Hauses, in dem sich der Laden befindet, zeigt keine Bereitschaft zum Dialog. Er hatte im April 2012 zwar der Wochenzeitung „Der Freitag“ und der Beratungsstelle „Moskito“ zugesagt sich mit uns ins Benehmen zu setzen. Bis jetzt ist allerdings nichts passiert. Dass er sich überhaupt dazu äußerte, lag wohl auch daran, dass wir ihn im März 2012, in dem Dorf in dem er wohnt, mit einer Kundgebung einen Besuch abstatteten. Öffentlichkeit für das Nichtverhalten von Verantwortlichen zu schaffen ist etwas, wo wir sagen würden, dass das Sinn macht.

Gab es schon Erfolge?

Im Zusammenhang mit „Label 23“ gab es jetzt in Berlin einen ersten Erfolg. Nach Kontaktaufnahme mit dem Ladeninhaber des „7 Guns“ wurde die Marke „Label 23“ ab dem  1. März 2013 aus dem Sortiment genommen. Die „Initiative gegen Rechts Friedrichshain“ hatte sich ebenfalls an Doorbreaker gewandt, jedoch ohne Reaktion. Von der Kette wird die Marke seit der Wintersaison 2012 in ihren Geschäften in Friedrichshain und Hohenschönhausen verkauft.
Das wir in Weißensee auf die Marke aufmerksam wurden lag vor allem an einem Artikel im Antifaschistischen Infoblatt Nr.96, der  über die Marke berichtete. Bis dahin wurde „Label 23“ zwei Jahre problemlos in Weißensee verkauft. Für uns zeigt das, dass Publizieren ein wichtiger Stützpfeiler unserer Arbeit ist. Wenn „Mut gegen rechte Gewalt“ zum Beispiel auch dazu publiziert, dann wäre das auch bundesweit eine Sache mit Einfluss. Denn die Klamotten kannst du, so wie wir das im Netz nachgelesen haben, im ganzen Osten kaufen. In ganz normalen Geschäften.

Warum setzt ihr euch ausgerechnet für die Schließung von Läden ein? Mit den Läden verschwinden ja nicht die Nazis. Was glaubt ihr, ändert eine Ladenschließung im Bezirk? Stichwort: Nachhaltigkeit

Im konkreten Fall von Weißensee würde sich ändern, dass weniger „Thor Steinar“ im Straßenbild zu sehen ist. Online bestellen können Nazis sicher immer noch. Aber die Zugänglichkeit zu der Marke für das lokale rechte Klientel wurde durch die Ladeneröffnung enorm erleichtert. „Thor Steinar“ transportiert rechte Ideologie ins Straßenbild und schafft dadurch Akzeptanz für diese Inhalte. Die Nazis verschwinden nicht, das stimmt, aber eine Schließung hätte eine Symbolwirkung für alle.

Die Zeit wo wir nicht gegen Naziumtreibe aktiv sind, veranstalten wir im Kiez Kulturangebote und Bildungsveranstaltungen, um ein Gegengewicht zu schaffen. Wir sind da ganz gut vernetzt.

Was sich wirklich ändern muss, ist der Alltagsrassismus der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Von 2006 bis 2008 waren Leute von uns auch gegen die rassistischen Anti-Moschee-Proteste im Berliner Stadtteil Heinersdorf aktiv. Da hat sich sehr gut gezeigt, dass rassistische BürgerInnen auch ohne die Nazis genug rechtes Potential in sich tragen. Die NSU-Mordserie wäre doch ein guter Anlass gewesen, um mal über Rassismus nachzudenken, vor allem über den eigenen.

Warum macht ihr am 9.März Demos in diesen Bezirken? Gab es einen speziellen Anlass für dieses Datum? Wer ist alles beteiligt?

Die Nordostberliner Bezirke Weißensee und Hohenschönhausen haben mit denselben Klamottenmarken ein Problem wie der Friedrichshain. Der Reiz einen solchen Aktionstag zu veranstalten, lag vor allem darin die lokalen Kämpfe zum selben Thema endlich mal mit einander zu vernetzen. Auch wenn wir etwas Demonstrationsmüde sind, so hebt der Aktionstag die oft mühselige Arbeit im eigenen Stadtteil auf eine neue Stufe. Das war schon lange überfällig. Bei der Wahl des Datums hatten wir uns am Eröffnungsdatum des „Thor Steinar“-Ladens in Friedrichshain orientiert. Der Eröffnete Anfang März 2009.

Was war los am 9.März?

An den Aktionen in Hohenschönhausen und der Demonstration Friedrichshain nahmen rund 300 Leute teil. Auf der Demo wurden auch Kneipen mit rechtem Klientel thematisiert, die in Prenzlauer Berg Nord ansässig sind. Die Demo zog auch an der Wohnung des Berliner NPD-Manns Richard Miosga vorbei, dessen Wirken in einem Redebitrag thematisiert wurde. Wie zu erwarten nahmen an der Demonstration in Friedrichshain die meisten Menschen teil. Es nahmen viele Menschen aus Verbänden und Parteien teil (Die.Linke, Grüne, Piraten) aber auch Antifa-Gruppen und Nachbarschaftsvereine.

Das Gespräch führte Diana Buhe.