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Reportagen

„’Du Jude’ – Was für ein beklopptes Schimpfwort!“

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antisemitisches Graffiti


Eine Tagung des Bundesprogramms „Vielfalt tut gut“ und des Zentrums für Antisemitismusforschung beschäftigte sich in Weimar mit „Alltagsantisemitismen jenseits geschlossener Weltanschauungen“.


Als beim Eurovision Song Contest am vergangenen Samstag Israel mit der Punktevergabe an der Reihe war und Deutschland dabei leer ausging, kochten bei einigen Lena-Fans die Emotionen offenbar so hoch, dass sie ihrem Ärger in Online-Kommentaren und via „twitter“ Luft machten: „Israel, scheiß Juden“ schreibt „goldlicht“, „die juden sind sehr nachtragend. Ok, kann ich auch irgendwie verstehen, aber ist doch nicht unsere Schuld“ findet „kleinermensch“. Ein anderer User meint: „Und wir bauen den Juden ein Denkmal in Berlin – Israel 0 Punkte“.

Antisemitismus ohne geschlossene Weltanschauung


Formen des Antisemitismus, die sich nicht vor dem Hintergrund einer geschlossenen antisemitischen Weltsicht abspielen, behandelte ein Fachtag, den die Bundesprogramme „Vielfalt tut gut“ und „kompetent. für Demokratie“ gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin Ende Mai in Weimar ausrichteten. Dieser „Alltagsantisemitismus“ stellt die Projektpartnerinnen und -partner der Bundesprogramme immer wieder vor neue Herausforderungen: Wie soll man – politisch und pädagogisch – mit antisemitischen Stereotypen umgehen, die von Menschen geäußert werden, die für sich in Anspruch nehmen, keine Antisemiten zu sein? Was tun gegen den „Ja, aber – Antisemitismus“ (Detlev Claussen), der oft als Kritik an Israel oder an ökonomischen Prozessen daherkommt und sich auch in Witzen oder Beleidigungen äußern kann?
Häufiges Beispiel ist der Gebrauch von „Du Jude“ als Schimpfwort auch unter Jugendlichen, die weder aus einem islamistischen noch neonazistischem Umfeld stammen. Dies berichtete Barbara Schäuble, Soziologin und Pädagogin an der Uni Kassel.

„Du Jude!“ auf dem Schulhof

Schäuble empfiehlt Pädagoginnen und Pädagogen, sich aus drei Perspektiven einer solchen Äußerung zu nähern: Aus objektiver und subjektiver Sicht sowie unter Berücksichtigung der eigenen Perspektive. Objektiv ist die Verwendung der eigentlich neutralen Zu- oder Selbstbeschreibung „Jude“ als Schimpfwort antisemitisch: Wer andere als Juden bezeichnet, um sie zu beleidigen, hält diese offensichtlich für minderwertig, „jüdisch sein“ für etwas, das niemand sein möchte. Berücksichtigt man nun die subjektive Perspektive des Jugendlichen, gilt es zu fragen, ob „Jude“ hier beliebig austauschbar wäre oder ob beispielsweise eine Person mit Charaktereigenschaften diskreditiert werden soll, die von Antisemitinnen und Antisemiten als „typisch jüdisch“ imaginiert werden. Schließlich muß die eigene Position mitgedacht werden, also etwaige Schuldgefühle oder Unsicherheiten bezüglich des Umgangs mit Judentum, Antisemitismus und Shoah.

Wie die Antworten auf diese Fragen auch ausfallen, reagiert werden muß auf jeden Fall. Die erste Reaktion kann dabei durchaus emotional sein: „Was für ein beklopptes Schimpfwort!“. Dann ist es oft geschickter, in der Auseinandersetzung mit den Jugendlichen nicht direkt Antisemitismus als solchen zu thematisieren: Denn auch wenn antisemitische Einstellungen isoliert in einem sonst eher vorurteilsfreiem Selbst- und Weltbild auftauchen, gehen sie doch mit starken Differenzannahmen und einer hohen Feindlichkeit gegenüber Abweichungen einher. Juden werden hierbei als homogene und fremde Gruppe mit negativen Eigenschaften wahrgenommen. Die (oft nationalen) Selbstbeschreibungen der Jugendlichen, die sie ihrer Meinung nach vom imaginierten „Juden“ unterscheiden, sind daher auch für ihre antisemitischen Vorurteile prägend und müssen thematisiert werden. Den Antisemitismus schließlich offen anzusprechen und auch als solche zu benennen ist entscheidend, um antisemitische Stereotype überhaupt bearbeitbar zu machen.

Antisemitismus in Fußballstadien


Wie wichtig es ist, diese Erfahrungen aus der Pädagogik von einer politischen Beurteilung des Antisemitismus zu trennen, wie Hanne Thoma vom American Jewish Committee zu Recht betonte, wurde im Workshop zu „Antisemitismus im Fußballstadion“ von Michael Reichelt und Angelika Ribler deutlich: Der Sprachwissenschaftler Reichelt untersuchte an Hand von Schiedsrichterberichten und Sportgerichtsurteilen des sächsischen Fußballverbandes die Verwendung des Begriffs „Jude“ auf und im Umfeld des Fußballplatzes. Die Fallbeispiele, die Reichelt anführte, sind erschütternd: „Schiri, wink richtig, sonst ziehen wir dir die Vorhaut runter, du Jude!“ wird ein Linienrichter beschimpft, im Zuge einer roten Karte ruft ein C-Jugend Spieler (13-14 Jahre) „Jetzt gibt mir der Judensohn nicht etwa Rot“ und „Nazi müßte man sein, dann könnte man so einen Scheiß-Schiri auf dem Scheiterhaufen verbrennen“. Mit sprachwissenschaftlicher Methodik unterteilt Reichelt derartige Äußerungen in „antisemitische Bedeutungszuschreibungen“, „jugendsprachliche Schimpfwörter“ und „Äußerungen mit neuer Semantik“. Doch die Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Sportprojekten machte deutlich, dass eine solche Kategorisierung aus Sicht der Projektarbeit gegen Antisemitismus wenig Sinn macht: Der Fußballplatz sei kein „rechtsfreier Raum“, das gesamte Umfeld der Vereine müsse geschlossen und hart gegen solche Äußerungen vorgehen – was eine gleichzeitige pädagogische Bearbeitung der antisemitischen Stereotype nicht ausschließt. Doch genau hier liegt auch ein Teil des Problems, wie Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen betonte: In 27% der 4000 von ihr untersuchten Sportgerichtsurteile waren die Angeklagten Trainer und nicht etwa Zuschauerinnen oder Spieler.

Neue Unübersichtlichkeit durch breiteren Fokus


Diesen Eindruck bestätigte auch Prof. Bergmann von der TU Berlin: Die Fixierung auf Jugendliche im Kampf gegen Antisemitismus sei falsch, Erwachsene seien ebenso Träger von antisemitischen Stereotypen. Mirko Niehoff von der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ betonte die Bedeutung einer speziellen Pädagogik gegen Antisemitismus auch für muslimisch geprägte Jugendliche, selbst wenn es fraglich sei, ob der Antisemitismus unter ihnen wirklich höher ist als in der Mehrheitsgesellschaft. Um deren Vorurteile aber bekämpfen zu können, müßten sie erst einmal spüren, dass ihre Positionen ernst genommen werden. Erst dann läßt sich eine verkürzte Sicht auf Ökonomie und Nahostkonflikt, die mit dem „Neuen Antisemitismus“ einher geht, wirkungsvoll bearbeiten.

Die aktuell größte Herausforderung für den Kampf gegen Antisemitismus ist der „Alltagsantisemitismus“, der sich fernab von neonazistischen oder islamistischen Gruppen verorten läßt und gleichzeitig erschreckend weit verbreitet ist. Ihm wirkungsvoll zu begegnen, das wurde auf dem Fachtag von „Vielfalt tut gut“ deutlich, ist schwer und fordert von Aktiven vor Ort viel Kraft und Engagement. Wenn aber dieser alltägliche Antisemitismus nicht mit einer geschlossenen Weltanschauung einher geht, so sind seine Träger auch leichter zu verunsichern. Das sollte gerade Pädagoginnen und Pädagogen Mut machen.

Von Daniel Poensgen
Foto: antisemitisches Graffiti in Berlin