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Reportagen

"'tschuldigung, darf ich ma' bitte durch?"


Prenzlauer Berg war dicht: Polizeisperrungen wegen der geplanten Neonazidemonstration. Doch die ca. 600 Neonazis mussten sich den 10.000 Gegendemonstrierenden beugen. Nach wenigen Metern hieß es: "Ihr könnt nach Hause fahren!" Eine Fotoreportage zum 1. Mai in Berlin, Prenzlauer Berg.


"'tschuldigung, darf ich 'ma bitte durch?", rief ein Demonstrant der Polizei entgegen und löste Gelächter aus. Denn diese schirmte die komplette Gegend rund um die geplante Route und den Sammlungsort der Neonazis ab. Auch wenn hunderte versuchten, direkt zu Beginn gemeinsam auf die angemeldete Strecke zu gelangen, war kaum Durchkommen. Der Bezirk Prenzlauer Berg war "dicht". Selbst die "Oase Pankow", ein interkulturelles Zentrum, durfte ihre eigene Veranstaltung in ihren Räumen nicht durchführen. Die Polizei stellte sich vor den Eingang.


Früh musste aufstehen, wer sich an den Blockaden der Neonazis beteiligen wollte. Um 9 Uhr morgens fuhren Demonstrierende gemeinsam zu Blockadepunkten. Den ca. 10.000 gelang es verschiedene Punkte der Neonazidemoroute zu besetzen. Doch schon um halb elf wurden Blockaden wieder von der Polizei geräumt. Doch man ließ sich nicht abhalten. Mit sportlichen Einlagen durch kleine Wege zwischen Gartenanlagen kam man immer näher heran.


Am Neonazi-Sammlungspunkt S-Bahnhof Bornholmer Straße ist man betrübt: Zur eigentlichen Startzeit ihrer Demonstration sind erst ca. 50 Personen angekommen. An der der S-Bahnstation hört man die Durchsage: "Aufgrund des Feuerwehreinsatzes kommt es zu Unregelmäßigkeiten des Zugverkehrs". Die Neonazis werden unruhig und fragen sich, wo ihre Kamderadinnen und Kameraden bleiben.


Unterdessen halten die Gegendemonstrierenden ihre blockierten Punkte aufrecht. Man wartet ab, was passiert. Die Anwohnerinnen und Anwohner tun ihren Unmut über Neonazis mit Transparenten an ihren Balkonen kund. Überall an der Strecke haben es Demonstrierende geschafft, Nebenstraßen zu besetzen. Nur die Bornholmer Straße bleibt frei.


Foto: na

Gegen 14 Uhr beginnt dann doch die Kundgebung der Neoanzis. Mit einer S-Bahn sind doch noch ein paar hundert angekommen. Nun sind ca. 400 versammelt. Ihre Reden werden von den umliegenden Balkonen mit Reggae-Musik gestört. 240 weitere Neonazis fuhren nicht wie vereinbart zur Bornholmer Straße. Sie stiegen am Ku'Damm aus und wollten dort demonstrieren. Sebastian Schmidtke, Demoanmelder der Nazis, meine, er wisse nicht, wer diese Leute seien. Doch Nazis sind sie, das steht fest. Sie werden festgenommen.


Mit einigen Stunden Verspätung laufen die Neonazis gegen 15 Uhr doch noch los. "Nationaler Sozialismus jetzt" oder "Hier marschiert der nationale Widerstand" skandieren sie. Nur die Bornholmer Straße bis zum S-Bahnhof Schönhauser Allee ist noch frei. Überall sonst sind Blockaden errichtet worden. Die Blockiererinnen und Blockierer hören Musik und werden von Lautsprecherwagen mit Informationen versorgt.


Foto: F. Burschel

Vor dem Neonazizug hat sich eine Gruppe von Prominenten versammelt, unter ihnen Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident, Wolfgang Wieland von den GRÜNEN und der Bezirksbürgermeister von Pankow Matthias Köhne und der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening. Sie halten Plakate mit der Aufschrift "Berlin gegen Nazis" hoch und verzögern damit die Demonstration. Immer wieder bilden sich spontan Sitzblockaden von einigen, die es doch noch auf die Strecke geschafft haben. Auch Wolfgang Thierse setzt sich hin, wird aber nach kurzer Zeit von der Polizei sanft von der Straße geholt.


An der Seelower Straße ist nun aber Schluss mit lustig. Die Neonazis müssen umkehren ohne bis zur Schönhauser Allee gelangt zu sein. Thomas Wulff schimpft und seine Neonazis sind verärgert. Doch aufgrund der Masse von Gegendemonstrierenden könne ihre Sicherheit nicht gewährleistet werden. Einzelpersonen laufen um die Neonazis und singen "Ihr könnt nach Hause fahr'n".

Um 17.30 Uhr ist die Neonazidemo endlich für beendet erklärt. Jubel bei den Anhängerinnen und Anhängern des Bündnisses "1. Mai Nazifrei!". Das Bündnis dankt per Twitter allen, die diesen Erfolg möglich gemacht haben.

Von Nora Winter

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Nosliw: "Nazis raus!"


Das passierte in anderen Städten:


In Erfurt mussten die ca. 300 bis 400 Neonazis nach 500 Metern wieder umkehren. Ungefähr 1.500 Menschen demonstrierten erfolgreich gegen sie. Vor allem auch mit Unterstützung aus Jena und Weimar.

In Rostock waren 400 Neonazis, 600 Gegendemonstranten gekommen. Auf dem Fest im Fischerdorf waren mehrere hundert Menschen. Demonstrantinnen und Demonstranten schafften es, die Route zu blockieren, doch die Neonazis dürfen auf einer Ausweichroute laufen.

In Schweinfurt 800 Neonazis und 10.000 Gegendemonstranten auf den Straßen.

In Zwickau laufen 400 Anhängerinnen und Anhänger der NPD. Das Bündnis "Zwickau nimmt Platz" kann 600 Gegendemonstrantrierende mobilisieren.

In Solingen sind 70 Anhängerinnen und Anhänger von Pro NRW auf der Straße. Die NPD kann, sage und schreibe, 26 Personen zu ihrer Veranstaltung bringen. 700 Gegendemonstrierende sind gekommen.