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Social Networking für Nazis

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Flickr cc escapedtowisconsin

Die NPD Parteizeitung „Deutsche Stimme“ ruft ihre Anhänger zum Eintritt in Soziale Netzwerke, wie StudiVZ oder facebook auf. Neonazis sollen demnach „raus aus den Hinterzimmern, raus auf die Straße, aber auch rein in die neuen sozialen Netzwerke des Internet.“

Das Thema ist nicht neu, denn Nazis tummeln sich seit Jahren in Sozialen Netzwerken. Umso skurriler ist nun der offizielle Aufruf der NPD an ihre Mitglieder, sich im sogenannten Weltnetz mit einem „interessanten, detailreichen und sympathischen Profil“ zu präsentieren. Ein solches System ist erfolgversprechend. Niedersachsens Verfassungsschutzpräsident Hans Wargel bestätigte dies in der Wochenzeitung „Welt“. „Häufig können junge Leute Propaganda, Indoktrination und Anwerbeversuche nicht auf den ersten Blick als rechtsextrem erkennen. Die Rechtsextremisten tauchen in den sozialen Netzwerken im Internet als Wolf im Schafspelz auf. Sie äußern sich zunächst ganz unverfänglich und versuchen dadurch das Vertrauen der anderen Teilnehmer zu erschleichen". Aber nicht alle Jugendliche sind naive Opfer von sogenannten Rattenfängern, sondern selbst denkende Menschen. Dazu gehört auch, dass sie Rassismus nicht zwangsläufig gut finden, nur weil er im hippen Outfit daher kommt.

Verbiegen für die Internetcommunity

Natürlich funktioniert der Anspruch „sympathisches Profil“ bei den meisten „Anonymen Nationalisten und in gesellschaftlicher Selbstisolation verharrende Kameraden“ (DS) nur mit einiger Schminke. Deshalb konkretisiert die NPD-Zeitung: „Das Profil sollte möglichst einen offenen Menschen beschreiben, einen Menschen mit Humor, Beruf, Hobbys, ernstzunehmenden Interessen, Literatur- und Musikgeschmack“. Es liegt also jede Menge Arbeit vor den Kameraden. Trotzdem sollte das Problem nicht auf die leichte Schulter genommen werden. „Neonazis im Netz werden in der Anonymität des Internets aggressiver und sorgloser“, sagt Simone Rafeal von netz-gegen-nazis.de. Wichtig, dass das Web 2.0 als Vernetzungsmedium funktioniert. Demonstrationen oder Kundgebungen von Neonazis können viel schneller und breiter gestreut werden. Das Organisationspotential ist nicht zu unterschätzen.

Die Betreiber in der Verantwortung

Obwohl die Probleme mit antisemitistischen und rassistischen Äußerungen in sozialen Netzwerken bereits seit langem bekannt sind, ist bis heute keine nennenswerte Verbesserung der Situation eingetreten. Entsprechende Gruppen tauchen immer wieder auf, Neonazischannels bei youtube sind weiterhin präsent. Es bleibt dabei, Neonazis sind in dieser Gesellschaft ein Problem – warum sollte das Web 2.0 da eine Ausnahme bilden? Betreiberinnen und Betreiber von sozialen Netzwerken müssen Neonaziumtriebe bemerken und löschen. "Hier sind auch die Anbieter Sozialer Netzwerke in der Verantwortung, durch Aufklärungsarbeit die Medienkompetenz von Jugendlichen zu fördern“, so Volker Beck (Grüne), Mitglied des Bundestags. „Außerdem müssen Facebook und StudiVZ nicht alles, was nicht verboten ist, in ihren Netzwerken dulden. Die Betreiber sind aufgefordert, Inhalte, die zu Hass, Gewalt oder zur Relativierung der Verbrechen im Nationalsozialismus aufrufen, zu löschen“, so Beck weiter. Dirk Hensen, der Sprecher der VZ-Gruppe, erläuterte, dass in einem Netzwerk von 16 Millionen Nutzerinnen und Nutzern „niemand alles“ kontrollieren könne. „Wir setzen auf eine Kombination aus klaren Regeln, Projekten gegen Rechtsextremismus und gehen jedem Nutzer-Hinweis sofort nach“, so Hensen.

Von Tilman Tzschoppe

Foto: escapedtowisconsin via Flickr, cc