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Im Norden viel Neues

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Neonazis in Tostedt, cc Recherche Nord


Im Landkreis Harburg kam es im Frühjahr zu mehreren Neonaziangriffen auf alternative Jugendliche. Die Polizei bagatellisiert die Vorfälle als Rangeleien zwischen Jugendlichen, obwohl Neonazis in der Region wahrlich kein neues Phänomen sind, wie ein Aussteiger aus der Szene berichtet.

„Gegen 6 Uhr morgens wurden die Jugendlichen aus dem Schlaf gerissen, als die Vordertür des Wohnhauses in Hollenstedt gewaltsam eingetreten wurde und daraufhin zwei Vermummte in den Eingangsbereich stürmten. Einer der Angreifer versuchte mehrmals eine Gaspistole abzufeuern, der zweite stürmte ins Wohnzimmer und gab eine Ladung Pfefferspray in den Raum ab, in dem sich die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt aufhielten. Bewaffnet mit einem Schlagring gingen die beiden Angreifer auf die im Raum befindlichen Personen los, schlugen und traten gezielt auf die Köpfe der am Boden liegenden Personen ein und fügten diesen mehrere Platzwunden, einen Bruch sowie zahlreiche Blessuren und Prellungen zu. Eine dritte Person wartete derweil im Auto vor dem Haus, um den beiden Angreifern eine schnelle Flucht vom Tatort zu ermöglichen.“ Diese bei Recherche Nord veröffentlichte Beschreibung eines Überfalls von Nazis am 24. April 2010 auf Jugendliche in Hollenstedt, einer Kleinstadt im Landkreis Harburg, stimmt sprachlos. Ein brutaler, professioneller Angriff auf den „politischen Feind“. Was sich Nazis hier trauen schreit nach öffentlicher Aufmerksamkeit – die es bislang nicht gibt.

Brutale Überfälle

Die Neonaziszene in und um Tostedt zentriert sich um die Rechtsextremisten Stefan Silar und Sebastian Stöber. Silar betreibt in Tostedt einen Streetwear-Laden, der als Treffpunkt und ideologisches Zentrum dient. Die ortsansässige freie Kameradschaft „Gladiator Germania“ ist in der Region gut vernetzt – etwa mit den „Snevern Jungs“ aus Schneverdingen, aber auch über die Region hinaus in dem militanten Netzwerk „Nationale Sozialisten Niedersachsen“.

Der Vorfall in Hollenstedt war nicht der einzige dieses Jahr. Am 23. Mai 2010 überfielen im zehn Kilometer entfernten Wistedt (bei Tostedt) etwa 15 Neonazis nach Ankündigung im Internet eine Wohngemeinschaft. Hierbei schlugen sie mit Spaten auf ihre Opfer ein, die teilweise schwer verletzt wurden. Nach dem Übergriff stürmten Polizisten die Wohnung und einige Antifaschisten, die den Opfern zur Hilfe geeilt waren, wurden festgenommen und erhielten teilweise Anzeigen wegen „schwerer Körperverletzung“. Auch die Anwohnerinnen und Anwohner zeigten sich mit den Tätern statt mit den Opfern solidarisch und sagten aus, die jungen Menschen seien aus dem Haus gestürmt um eine vorbeilaufende friedliche Gruppe von Neonazis zu überfallen. Den jungen Mieterinnen und Mietern wurde die Wohnung daraufhin gekündigt. Die Gewalttaten werden von der Polizei zu „Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Jugendlichen“ heruntergespielt, von einer politisch motivierten Straftat wolle man von vorne herein nicht ausgehen.

„Tatsächlich scheint der Konflikt schon geraume Zeit zu schwelen und Einiges deutet darauf hin, dass es einen Angriff von Antifa-Jugendlichen auf einen Neonazi gegeben hat, nachdem sich die Diskussion um den Überfall vom 24. April auf INDYMEDIA zugespitzt hatte. Der Übergriff vom 23. Mai scheint wiederum eine geplante Racheaktion der Neonazis gewesen zu sein“, berichtet Fabian Wichmann von der Aussteigerinitiative EXIT. Das ganze Geschehen als jugendliche Rangeleien herunterzuspielen hält er allerdings für völlig falsch: „Natürlich fühlen sich die linksalternativen Jugendlichen irgendwann nicht mehr ernst genommen und allein gelassen, sodass sie auf die Idee kommen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.“ Für gewalttätige Übergriffe gibt es keine Rechtfertigung, für das ignorante Verhalten von Seiten der Polizei allerdings auch nicht. „Hier entsteht ein rechtsfreier Raum, die Fahndungen laufen viel zu langsam und das Strafmaß wird selten voll ausgeschöpft“, so Wichmann.

Verfestigte Neonaziszene

Die Polizei verhält sich, als ob sie keinerlei Erfahrungen mit rechter Gewalt hätte. Doch neu dürfte ihr ein provokantes und offenes Auftreten der Neonazis in der Region eigentlich nicht sein. Martin (Name von der Redaktion geändert) war mehrere Jahre aktiver Neonazi in Tostedt, hat die Kleinstadt jedoch vor über 10 Jahren verlassen und ist inzwischen ganz aus der Szene ausgestiegen. Schon damals seien zwar Parteistrukturen nicht sehr stark vertreten gewesen, dafür aber die „Freien Kräfte“ umso mehr. Es habe, erzählt Martin, eine sehr präsente Skinhead-Szene gegeben: „Es gab eine große Blood and Honour Musikszene, fast jedes Wochenende fanden teils geheime Konzerte statt. Das war natürlich sehr reizvoll für die Jugendlichen.“ Neben den gut ausgebauten rechten Strukturen der Region erinnert sich Martin auch, wie stark die Akzeptanz rechtsradikaler Ideologie in der „normalen Bevölkerung“ war: „Manchmal sammelten wir für bestimmte Kampagnen der NPD Unterschriften und gingen dabei von Haus zu Haus. Da unterschrieben bestimmt 80 Prozent der Leute.“ Martin berichtet auch, dass er und seine Kameraden sich in den ländlichen Strukturen als akzeptiert und als Vertreter einer allgemeinen Meinung sahen. Statt Skinheads seien heute Autonome Nationalisten oder Angehörige der Motorradgang Bandidos präsent. An der offenen, militanten Kampf-Ideologie habe sich seit den Skinhead-Zeiten jedoch nichts geändert.

Fabian Wichmann bestätigt dies: „Im nördlichen Niedersachsen und in Schleswig Holstein gibt es gewachsenen Neonazistrukturen. Die Überfälle der letzten Monate sind da nur die aktuellsten Auswüchse. Durch das Gedeihen der Szene seit etwa 20 Jahren können die Nazis den Jugendlichen eine komplexe Alltags- und Erlebniswelt mit Clubs, geheimen Konzerten und einer Reihe von großen ‚Vorbildern‘ bieten“, schätzt er die lokale Situation ein. Einer dieser „Vorbilder“ ist Peter Borchart aus Kiel, bekennender Nazi und Bandidos-Mitglied. Zurzeit sitzt er wegen einer Messerattacke auf mehrere Hells Angels-Angehörige im Gefängnis.

Aktiv gegen Nazis


Doch es gibt auch positives zu berichten. Menschen aus der Zivilgesellschaft, die sich trotz aller Widrigkeiten quer stellen. Die Tostedter Timo Versemann (20) und Jan Hendrik Saxe (18), initiierten 2009 einen Brief, in welchem 400 Bürgerinnen und Bürger die Lokalpolitik aufforderten, entschieden gegen den Streetwear-Laden des Nazis Silar vorzugehen. Daraufhin wurden die Scheiben in Versemanns Elternhaus eingeworfen. Doch die beiden lassen sich nicht unterkriegen und treten weiter offen und mutig für ein Tostedt ohne rechte Gewalt ein. Hierfür bekamen sie im Juni in Hamburg die Herbert-Wehner-Medaille der Gewerkschaft ver.di verliehen. Das Preisgeld möchten Saxe und Versemann spenden, vielleicht an EXIT.

Auch einige Politiker sind inzwischen aufmerksam geworden. Der Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler (Grüne) betreut die Region. Er sieht im Landkreis Harburg neben dem Harz eine Schwerpunktregion rechtsradikaler Gewalt in Niedersachsen. Deshalb möchte er an der Bildung eines breiten Bündnises aus Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Antifa zur weiteren Vernetzung mitwirken. Gemeinsam mit Jan Philipp Albrecht, grünes Mitglied des europäischen Parlamentes, veranstaltete er am 2. und 3. Juli 2010 eine Konferenz mit dem Titel „Aktiv gegen Nazis“ in Lüneburg. Hier ging es um das Auftreten der Neonazis in den nördlichen Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. „Rassismus, Sexismus und Antisemitismus sind jedoch auch in der Mitte der Gesellschaft präsent“, betont Kindler. Daher möchte er auch informieren, wie Bürgerinnen und Bürger reagieren können, wenn sie in ihrem Alltag, etwa in der Schule oder im Sportverein mit rechtspopulistischer, menschenfeindlicher Meinungsmache konfrontiert werden.

Was zu tun ist

Beim Lesen der Berichte über die Überfälle von Wistedt und Hollenstedt bleibt ein mulmiges Gefühl. Dass Neonazis so offen agieren und dabei kaum auf Widerstand treffen, scheint unglaublich. Bei diesen Hintergründen von Rangeleien zwischen Jugendlichen auszugehen, deutet darauf hin, dass die Polizei die Ereignisse klein redet um ein fiktives Idyll aufrechtzuerhalten. Solange sich „nur“ (Antifa-) Jugendliche positionieren, die nicht gerade die größten Sympathieträger der Gesellschaft sind, ist es vielleicht noch möglich zu bagatellisieren. Doch wenn auch andere Personen der Zivilgesellschaft endlich aktiv werden und sich mit den Opfern solidarisieren kann die öffentliche Aufmerksamkeit wachsen und der Druck auf Polizei und Politik, einen vernünftigen Kurs einzuschlagen, wird steigen.

Von Isi Schanze
Foto: Recherche Nord, c

 

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