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Popkultur für Neonazis

Spreelichter
Foto: Screenshot der Webseite der „Spreelichter"

Mit weißen Masken treiben die „Unsterblichen“ vor allem in Südbrandenburg ihr Unwesen. Sind sie ein neuer Trend in der Neonaziszene? Dazu befragten wir Fabian Wichmann von der Neonaziaussteiger-Organisation EXIT-Deutschland.

Mut: Am 1. Mai diesen Jahres marschierten 150 bis 300 Neonazis mit weißen Masken und Fackeln durch Bautzen. Ein Video mit der „Neondämmerung“ von Don Davis aus dem Film „Matrix Revolutions“ ist davon auf der Webseite einer Gruppe zu finden, die sich die „Unsterblichen“ nennen. Wer steht hinter dieser Gruppe?

Die genauen Macher der Aktionsform sind so nicht ersichtlich. Wir vermuten aber, dass sich der Personenkreis mit dem Netzwerk der „Spreelichter“ weitgehend deckt. Die Aktionsformen sind ähnlich, der Stil der Webseiten und sie nutzen denselben Server in Kalifornien. Auch die Masken sind schon bei Aktionen der „Spreelichter“ aufgetaucht.

Mut: Wer sind denn die „Spreelichter“?

Das ist einer Neonazigruppierung oder genauer gesagt ein Netzwerk von Personen und Gruppierungen, das im Raum Südbrandenburg agiert, aber auch Verbindungen, so intensiv nach Sachsen und Berlin hat. Sie verwenden die gleiche Symbolik wie die „Unsterblichen“. Sie nutzen neue Medien und haben modern wirkende Agitationsformen. Sie genießen auch große Anerkennung in der Szene. Auch der Verfassungsschutz bezeichnet sie als „Pilotprojekt“.

Mut: Zeichnet sich hier also ein neuer Trend in der Neonaziszene ab? Sind die „Unsterblichen“ ein solches Pilotprojekt?

Es ist auf jeden Fall ein Experimentierfeld. Sie grenzen sich von anderen Organisationsformen wie den „Autonomen Nationalisten“ oder den „Kameradschaften“ ab. Sie wirken poppig. Die Inhalte sind aber alt: Sie sind klassisch völkisch, rassistisch mit ihrer Rede vom Volkstod. Auch antisemitische Konotationen fehlen in ihren Texten nicht. Damit bereiten sie diese alte Ideologie – mit Anleihen aus dem Dritten Reich – aber modern auf. Und das machen sie so, dass sie durch polizeiliche Repression nicht so leicht zu fassen sind. Das ist die neue Qualität. Bisher war das so nicht zu finden. Es braucht aber die technischen und intellektuellen Fähigkeiten, das umzusetzen. Insofern wird es nicht von allen Nazigruppen so schnell verwirklicht werden können.

Mut: Die ganze Inszenierung wirkt sehr mystisch. Findet sich das auch in ihrer Ideologie? Worum geht es den „Spreelichtern“?

Das Mystische hatte im Nationalsozialismus einen zentralen Platz. Das „Ahnenerbe“ der SS und Leute wie Rosenberg wären da als Stichwort zu nennen. Die lieferten ein “ wissenschaftliches Fundament“ für die arische Rassenlehre. Eine Ideenwelt, die die Texte der „Spreelichter“ weltbildlich grundieren. In der Spreelichterfassung liegt das Mystische auch sehr im Visuellen. Es hat auch etwas Okkultes – gerade mit den Fackeln. Die Texte sind aber eher klassisch. Die „Unsterblichen“ zielen dabei vor allem auf Jugendliche ab und wollen sie direkt ansprechen. Was zum Schluss rauskommt, ist aber der NS, aber nicht in der bekannten Form.

Mut: Einerseits hat der Verfassungsschutz die „Spreelichter“ als „Pilotprojekt“ bezeichnet, andererseits warnt er vor „Abdriften in sektenhaften Wahn“. Trifft diese Charakterisierung wirklich das Phänomen?

Die Annahme von sektenhaften Wahn der Spreelichter verharmlost die Sache. Wir sehen hier das Ergebnis einer längeren Entwicklung über verschiedene Gruppen hinweg, sich immer wieder selbst umbauend und nach Propaganda- und Präsenzlinien suchend. Die Aktion in Bautzen, die das aktuelle Propagandakonzept ausdrückte war gut vorbereitet, was ohne ein festes, zuverlässiges Kontaktnetz nicht geht. Die Inszenierung war gekonnt und modern, zumindest für die reichlich vorhandenen Empfangsbereiten. Die geschickte Nutzung des Internet hat den Propagandaeffekt als Gesamtaufführung erst ermöglicht. Da waren rationale Leute am Werk.

Mut: Wo gibt es Nachahmer? Oder ist es vielleicht sogar so, dass die „Spreelichter“ nachahmen? Die Masken erinnern mich auch an die Vendetta-Masken der „Anonymous“-Bewegung, die Scientology kritisieren.

Maskenauftritte findet man funktionell in allen Lagern. Es gibt sie bei der ETA, bei den „Überflüssigen“ und auch bei linken Protestlern gegen die Mietpreisexplosion in Berlin. Neu ist aber die Inszenierung mit Fackeln und Musik. Es wird ein inszeniertes theatralisches Zeichen gesetzt, real und virtuell. Es produziert assoziative Räume und bietet Identifikation mit dem „Höheren“. Zweck zum Schutz steckt auch drinnen: Bei Aktionen kann die Identität verbergen werden. Seit Mai dieses Jahres hat die Aktion von Bautzen sieben Nachahmerereignisse gefunden, die auch direkt mit den „Unsterblichen“ verbunden sind.

Mut: Sind die „Spreelichter" nicht vielleicht einfach Popkultur für Neonazis?

Ein stückweit, aber nicht „einfach“. Das sieht man an der Art der Aktionen. Modern, weg vom muffigen Nazibild. NS erscheint aufgefrischt, fällt nicht gleich ins Haus. Es geht um den ideologisch-emotionalen Effekt, an einer höheren Sache beteiligt zu sein, dem dient die Aufführung und alle ihrer Elemente egal woher, geklaut oder nicht. Das ist schon Pop-Art à la Ideologie. Das bleibt hängen, motiviert.

Mut: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Nora Winter.
Foto: Screenshot der Webseite der Spreelichter"


Mehr zum Thema in den Publikationen:

Lagebericht – Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald. Schriftenreihe EXIT-Deutschland, 2011.

„Volkstod und Unsterblichkeit – Moderner Rechtsextremismus in Südbrandenburg – Agitation, Erscheinungsbild und Kontinuität“ . Schriftenreihe EXIT-Deutschland, 2011.

Erhältlich unter: info@exit-deutschland.de
 

EXIT stellt Lageanalyse zum Spreewald vor