Der Abend des 9. November in Berlin-Mitte. Eine kleine Gruppe Menschen quer durch alle Generationen macht sich auf, Erinnerung wachzuhalten. Kerzen werden auf den Bürgersteigen aufgestellt, um im Boden eingelassene Denksteine aus Messing zu erleuchten - sie tragen die Namen von Ermordeten im Dritten Reich. Doch das Gedenken ist oft abrupt wieder vorbei...
Ein Fotokommentar von Holger Kulick
In mittlerweile mehr als 300 Orten hat der Kölner Künstler Gunter Demnig sogenannte "Stolpersteine" in Bürgersteige eingelassen - vor Häusern in den einst Juden und andere von den Nazis Gedemütigte lebten, bis sie deportiert und in KZs ermordet wurden. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig.
Die evangelische Sophien-Gemeinde in Berlin-Mitte nahm sich dies am gestrigen Abend zu Herzen und warb am 70. Jahrestag der Pogrome vom 9. November 1938 für eine besondere Form des Gedenkes. Zu einem "Stolperweg auf den Spuren jüdischer Mitbürger im Kiez" wurde auf Plakaten eingeladen. Immerhin: einige kamen.
Mit einer Andacht in der Zionskirche in Mitte wird der "Stolperweg" zu Beginn der Dämmerung eingeläutet. An ein "Verbrechen, das nie verjährt" erinnert Pfarrerin Eva-Maria Menard und stellt die Frage, warum es möglich war, dass auch christliche Gemeinden damals zuschauten, statt einzugreifen, was mit ihren jüdischen Nachbargemeinden geschah. "Niemals wieder in diesem Leben" dürfe sich das wiederholen. Rund 30 Zuhörer sind es. Mehr nicht. Aber sie sind mit dem Herzen dabei. An der Osterkerze der Kirche entzünden sie kleine Grablichter, die auf den Stolperweg mitgenommen werden. Der Gedenkweg beginnt.
Es sind evangelische und katholische Christen, die sich an dem Stolperweg beteiligen, auch zwei jüdische Familien laufen mit. Etwas verunsichert, lieber am Ende des Zugs.
Dass es nicht viele Mitakteure sind - nicht schlimm, findet Pfarrerin Menard: "Ich bin mit 30 mehr als zufrieden. Und so etwas gibt es zeitgleich ja auch in anderen Gemeinden. Besser 100x 30 Menschen an verschiedenen Orten, als 1x 3000 an einem Ort".
Im Schein von Taschenlampen wird Halt vor einzelnen Hauseingängen gemacht und die Geschichte der Menschen erzählt, die hier im Alter zwischen drei bis 80 Jahren von den Nazis verschleppt wurden. Juden, Bürger, die für Juden gehalten wurden, Homosexuelle, Behinderte, unliebsame Oppositionelle und viele Andere.
Insbesondere Kinder beindruckt und beschäftigt es sehr, als sie von ihren Eltern berichtet bekommen, was hier damals geschah. Eine extrem lehrreiche Wanderung durch deutsche Zeitgeschichte.
Vor einem Haus in der Berliner Brunnenstraße wird schließlich an eine dreiköpfige Familie erinnert, die von den Nazis hier ausgelöscht wurde. Nur weil auch sie vermeintlich Juden waren. Zwischendurch gehen Hausbewohner ein und aus, kopfschüttelnd, als gehe sie das alles nichts an. Auch ein Passant huscht demonstrativ handytelefonierend einfach mitten durch die Andachtsgruppe.
Auf den drei Stolper-Steinen vor der Haustür, die Stolperstein heißen, weil man als Passant im wahrsten Sinne des Wortes darüber stolpern und innehalten soll, stehen die Namen von drei Berliner/innen: Edith und Georg Winter, deportiert im Alter von 43 und 53 Jahren nach Auschwitz und dort ermordet, und von Karoline Hecht. Sie wurde im Alter von 45 Jahren nach Theresienstatt deportiert und verlor dort ein Jahr später ihr Leben.
Die Gruppe hat die Kerze kaum auf den Boden gestellt und ist weitergezogen, als ein junges Mädchen auf dem Trottoir gelaufen kommt. Die Kerze tritt sie beiläufig weg, das Licht verlöscht.
"Können Sie nicht aufpassen?", frage ich, "eigentlich steht das hier zum Gedenken". Schnippisch entgegnet sie: "Was geht mich das denn an?".
Eigentlich viel.
Aber schnell geht sie weiter.
Zum Thema:
Bad Nenndorf erteilt jüdischer Gemeinde am 9.11. Redeverbot http://de.indymedia.org/2008/11/232295.shtmlt
Zwei junge Neonazis gestehen Verwüstung auf jüdischem Friedhof in Wetter (Marburg) am 9.11.2008 http://www.op-marburg.de/newsroom/lokal/dezentral/lokal/art655,732368
Neonazis störten Stolpersteinverlegung am 9.11. in Waren http://de.news.yahoo.com/17/20081109/tde-unbekannte-stoeren-gedenkfeier-fuer-08c524b.html
Am 9.11. Friedhof in Auenwald (Ba-Wü.) mit Hakenkreuzen beschmiert: http://www.pr-inside.com/de/friedhofs-eingang-mit-hakenkreuzen-beschmiert-r907829.htm
Demmin: Jüdischer Friedhof am 9.11. geschändet: http://de.news.yahoo.com/1/20081110/tde-jdischer-friedhof-in-demmin-geschnde-975c243.html
Jüdischer Friedhof in Weyhers bei Fulda geschändet: http://www.fuldaerzeitung.de/newsroom/polizei/dezentral/polizei/art20828,708546
Jüdischer Friedhof in Cottbus geschändet: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0729/brandenburg/0051/index.html
Jüdischer Friedhof in Bukarest geschändet: http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/rumaenien/8270-juedischer-friedhof-in-bukarest.html. Täter waren Schüler: http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/rumaenien/8314-grabschaendungen-von-schuelern-begangen.html
Mehr zum Thema Gedenken der Kirchen am 9. November: www.gedenkweg 2008.de / www.mut-gegen-rechte-gewalt.de / Fotos: Holger Kulick