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Ableism

Ressentiments gegenüber behinderten Menschen sind so vielfältig wie körperliche und geistige Behinderungen selbst. Sie reichen von Spott über den ungewöhnlichen Körper und Geist über Zuschreibung von Eigenschaften bis hin zu Gewalt und Mord, zum Beispiel während der Zeit der „Euthanasie“ Schwerbehinderter während des Nationalsozialismus.

Behindertenfeindlichkeit

Im Deutschen hat sich für dieses Phänomen seit einigen Jahrzehnten der Begriff Behindertenfeindlichkeit eingebürgert. Damit ist die negative Beurteilung einer körperlichen oder geistigen Verfassung gemeint, mit der eine Hierarchisierung von Körpern einhergeht: Der als nichtbehindert und „normal“ angesehene Körper ist in diesem Denken dem als behindert und defizitär angesehen Körper überlegen. Die angenommene Überlegenheit des Normkörpers dient als Legitimation für abwertende Zuschreibungen und ausgrenzende Praxen gegenüber behinderten Menschen.

Ableism

Erst seit kurzem wird auch im deutschen Diskurs das englische Wort „Ableism“ verwendet, das innerhalb der englischsprachigen Behindertenbewegung entstand. Das Wort leitet sich ab vom Wort „Ability“, Fähigkeit, und erweitert den Fokus von Behinderung auf Körper allgemein. Ein entsprechender Ausdruck im Deutschen wurde bisher nicht gefunden, daher bleibt es oft beim englischen Wort. Ableism ist die Beurteilung von Körper und Geist anhand von Fähigkeiten – der „Wert“ eines Menschen entscheidet sich dabei danach, was sie oder er „kann“ oder „nicht kann“. Der Mensch wird so flexibel je nach Alter, Geschlecht oder Kultur gesetzten Standards beurteilt. Ist zum Beispiel ein Kind in einem bestimmten Alter und hat noch nicht die von ihm und seinen Altersgenossinnen und –genossen erwarteten Fähigkeiten erreicht, droht das Label „Behinderung“.

Reduktion des Menschen auf körperliche und geistige Verfassung

Beim „ableistischen“ Denken wird, ähnlich wie bei der Behindertenfeindlichkeit, der beurteilte Mensch auf seine Körperlichkeit oder geistige Verfassung reduziert: Sie bestimmt ihn als ganzen Menschen, „macht ihn aus“, und er wird stets an ihr gemessen: So tun behinderte Menschen dann zum Beispiel immer etwas nur „trotz“ oder „wegen“ ihrer Behinderung. Daraus folgt, dass Ableism auch ein aufwertender Vorgang sein kann: Jemand wird wegen seines normgerechten oder besonders positiv bewerteten Aussehens oder seiner geistigen Leistungen für einen „an sich“ besonderen, attraktiven, bewundernswerten usw. Menschen gehalten. Auf der anderen Seite kann es, so wie es auch z.B. positiven Rassismus oder Sexismus gibt („Schwarze können toll singen“ „Frauen können Multitasking“), auch positiven Ableism gegenüber „Defizitären“ geben: Beispielsweise „Behinderte haben alle einen eisernen Willen“ oder „Blinde haben ein Super-Gehör“. Daher passt auf die meisten Bewertungen von behinderten oder nicht normgerechten Körpern eher der weiter gefasste Begriff Ableism als Behindertenfeindlichkeit, schließlich sind viele Bewertungen von behinderten Menschen nicht unbedingt „feindlich“, sondern kommen oft sogar freundlich oder in einer ambivalenten Mischung daher.

Gemeinsam ist Ableism und Behindertenfeindlichkeit das Denken der Essentialisierung: Körper, Geist und Herkunft sollen das Wesen eines Menschen ausmachen. Das verbindet Ableism und Behindertenfeindlichkeit mit anderen Diskriminierungsformen wie dem Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie oder Antiziganismus. Genau wie diese Reduzierungen beziehen sich Behindertenfeindlichkeit und Ableism permanent auf Normativität und bringen diese zugleich hervor. So entsteht eine bestimmte, je nach Gesellschaft unterschiedliche Kultur des Umgangs mit behinderten Menschen, der sich zum einen in Interaktionen und medialen Darstellungen widerspiegelt, andererseits aber auch in Praktiken des sozialen Ausschluss aus vielen Lebensbereichen.

Wer oder was behindert eigentlich wen?

Eine grundlegende Annahme, die viele der Umgangsformen und sozialen Praktiken bestimmt, ist, dass Behinderung nur Leiden bedeuten kann. Behinderung sei immer etwas Furchtbares, das niemand will und das überwunden werden muss – entweder durch heilende und normierende Medizin und Pädagogik oder durch den bereits erwähnten „eisernen Willen“ der einzelnen, sich an die Umwelt anzupassen und die Behinderung zu „besiegen“. Dabei wird verkannt, dass Behinderung zwar tatsächlich Leiden bedeuten kann, dies von behinderten Menschen aber sehr unterschiedlich eingeordnet wird. Viele behinderte Menschen sehen sich eher durch eine nicht-barrierefreie Umwelt und Ressentiments behindert als durch ihre körperliche oder geistige Beeinträchtigung selbst. Doch ein Kennzeichen jeder Essentialisierung, also auch von Ableism und Behindertenfeindlichkeit, ist die Individualisierung des Nachteils: Der einzelne ist „betroffen“, nicht die Gesellschaft, in der sie oder er lebt.

Stereotype

Aus der Annahme des konstanten „Leidens“ erwachsen weitere Stereotype: Behinderte seien verbittert, böse und rachsüchtig gegenüber „Gesunden“, oder als Kehrseite bemitleidenswert, depressiv und selbstmordgefährdet. Viele behinderte Menschen werden von ihrer nichtbehinderten Umwelt allein dafür bewundert, ihren Alltag zu bewältigen, auch mal gute Laune zu haben und sich noch nicht umgebracht zu haben. Das Fehlen eines permanenten psychischen „Elends“, das eigentlich naturgemäß vorhanden sein müsste, verleitet einige zu Rückschlüssen auf einen angeblich „heldenhaften“, „übermenschlichen“ Charakter einiger behinderter Menschen.
In sozialen Interaktionen führt die Annahme des Leidens zu vielfältiger Unsicherheit und Ängsten. Sichtbare Behinderungen erinnern an die Möglichkeit, selbst behindert zu werden. Fehlender Kontakt mit behinderten Menschen wirft Zweifel auf, dass man „mit denen normal reden“ kann und fördert die Angst, etwas falsch zu machen. Man selber, so wird von als nichtbehindert eingeordneten Menschen angenommen, hat es ja „besser getroffen“ – das lässt einen gut und schlecht zu gleich fühlen: Einerseits kann man sich überlegen fühlen, – und dies äußert sich oft in Paternalismus und Bevormundung oder durch Nicht-Ernstnehmen von behinderten Menschen, die zuweilen wie Kinder behandelt werden oder über deren Kopf hinweg über sie geredet wird. Andererseits kann genau diese vermeintliche Überlegenheit Schuldgefühle und Unsicherheiten verursachen.

Unsicherheiten im Umgang mit behinderten Menschen

Die Unsicherheiten im Umgang mit behinderten Menschen machen sich auch zum Beispiel an der Frage „Hilfe leisten oder nicht“ fest. In vielen Kulturen wird von als nichtbehindert bewerteten Menschen erwartet, „den Schwächeren“ zu helfen (und dies schließt nicht nur behinderte Menschen, sondern auch Kinder, alte Menschen und manchmal auch schwangere Frauen ein). Das moralische Gebot der Hilfe führt zu vielfältigen Ängsten vor dem Kontakt mit den „Hilfsbedürftigen“ – Angst, dass die Kommunikation nicht funktionieren könnte, Angst, etwas falsch zu machen oder dass die Hilfe abgelehnt wird – was gut möglich ist, da behinderte Menschen mit zunehmender barrierefreier Umwelt nicht immer und überall „hilfsbedürftig“ sind. Bedingt durch Ängste wie diese, aber auch durch von Ökonomie und Effizienzwünschen geprägte Überlegungen wurden und werden behinderte Menschen vielfach aus dem sozialen Leben ausgeschlossen. Beispiele dafür sind Heime, Sonderwohngruppen, Werkstätten für behinderte Menschen, Sonderschulen und Spezialfahrdienste statt barrierefreiem ÖPNV. So kann die „Norm-Gesellschaft“ dem Phänomen Behinderung am besten aus dem Weg gehen und eine rationalisierte Verwaltung der „Mehrarbeit“ oder „Zusatzbetreuung“ behinderter Menschen leisten. Auch im zunehmenden Druck auf schwangere Frauen, sich pränataldiagnostischen Untersuchungen zu unterziehen und einen eventuell behinderten Fötus abzutreiben, sowie in Elternwünschen nach normgerechtem, gesundem und leistungsfähigem Nachwuchs zeigt sich, trotz aller zunehmenden „Normalität“ im Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen, wie sehr Ableism und Behindertenfeindlichkeit immer noch zu den kulturellen Standards der Gesellschaft gehören.

Von Rebecca Maskos