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Den Höhepunkt überschritten?

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Autonome Nationalisten Dortmund

Immer wieder machen sie von sich reden: Autonome Nationalisten (AN). Aggressive Neonazis, die subkulturelle Stile und Codes übernehmen, um dem „uncoolen“ Stiefelnazi einen moderneren Look zu verpassen. Ein neues Buch klärt umfassend über die AN auf.

Von Christian Spiegelberg

Skinheads in Springerstiefeln und Bomberjacken: das war lange Zeit das vorherrschende Bild vom gewaltbereiten Neonazi. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Aufmarsches am 14. Mai 2011 in Berlin Kreuzberg bedienen dieses Klischee nicht mehr. Als „Autonome Nationalisten“ (AN) bezeichnen sich jene Neonazis, die Kleidungsstil und Symboliken der linken Szene aufgreifen. Die eklatante Fehleinschätzung ihres Gewaltpotentials zeigt, wie wenig Wissen derzeit noch über die AN vorhanden ist. Das neue Buch „Autonome Nationalisten: Neonazismus in Bewegung" versucht diese Wissenslücke zu schließen.

Die Herausgeber Jan Schedler und Alexander Häusler möchten mit ihrem Sammelband „Hilfestellungen zum Verständnis und zum Umgang mit neonazistischen Einflussnahmen in der Gesellschaft und besonders im Jugendbereich geben". Das Buch ist zudem als Handreichung für all diejenigen konzipiert, die sich alltäglich gegen Neonazis engagieren. Auf 328 Seiten entfaltet die erste umfassende Analyse über die „Autonomen Nationalisten" (AN) Wissenswertes über ihre Entwicklungsgeschichte (Genese), Lebensstile und Praxis (Analyse), sowie über regionale Schwerpunkte (regionale Entwicklungen) und ihre geschichtlichen Anlehnungen (historische Bezüge).

Von der „Freien Kameradschaft“ zu den „Autonomen Nationalisten“

Als Reaktion auf das Verbot einflussreicher Organisationen vollzieht sich seit Mitte der 1990er Jahre ein fundamentaler Wandel in der Neonaziszene, den Jan Schedler in einem ersten Beitrag beschreibt: „dominierten zuvor überregionalagierende Parteien und parteiähnliche Zusammenschlüsse, so organisierte man sich jetzt stattdessen in kleinen, lose strukturierten Gruppen auf lokaler Ebene, den ‚Kameradschaften‘“. Diese „Kameradschaften“ führen keine Mitgliedsregister. Sie zu beobachten oder zu verbieten ist deshalb schwierig. Kommt es zu einem Verbot, kann schnell unter einem neuen Label weiter agitiert werden. Die AN können als Weiterentwicklung des Kameradschaftskonzeptes verstanden werden. Auch für zivilgesellschaftliche Akteure ist es damit schwerer geworden, auf Neonazis zu reagieren. Denn mit den AN werden Neonazis unauffälliger.

Über die Anfänge der AN berichtet Ulrich Peters: Neonazis, die sich nach ihrem Gründungsort, dem Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain, als "Kameradschaft Tor" bezeichnen, experimentierten seit dem Jahr 2000 mit der Übernahme von Stilelementen aus der Alternativ- und Hardcoreszene. „Der Wandel war ein optischer und in Teilen die Lebenswelt und Freizeitgestaltung der KS-Tor-AnhängerInnen betreffender", schreibt Peters. Damit konnten sie sich wesentlich unauffälliger im linken Szeneviertel Friedrichshain bewegen. Das Phänomen wurde von anderen Neonazis aufgegriffen und verbreitete sich innerhalb weniger Jahre. Dabei hat sich der regionale Schwerpunkt von Berlin in das Ruhrgebiet und den Süden Deutschlands verlagert. In fünf Beiträgen werden aktuelle lokale Szeneschwerpunkte ausführlich beleuchtet. Das Konzept der AN besitzt Ausstrahlungskraft bis ins europäische Ausland. Der innovative Artikel von Klára Kalibová beleuchtet beispielsweise die „‚Autonomen Nationalisten‘ in Tschechien“.

Lebensstil und Aktionsformen

„Die politische Praxis der ‚Autonomen Nationalisten‘ ist geprägt von einer selektiven Adaption ikonografischer Formen, Codes und Handlungsrituale der radikalen Linken", so Jan Schedler. Die AN tragen schwarze Kapuzenpullover und sportlichen Trakkingjacken. Sonnenbrillen, Kappis und Buttons sind Accessoires, die im bunten Graffiti Style und zum Teil in englischer Sprache gestaltet sind. Dennoch vertreten die AN eine originär neonazistische Ideologie. Sie verstehen sich „als rebellische, militante Avantgarde der neonazistischen Szene“, so Schedler weiter. Dabei gehen sie, frei von wahltaktischen Überlegungen, offensiver, als beispielsweise ihre Kolleginnen und Kollegen von der NPD, vor.

Viele ihrer Aktionsformen waren von Anfang an gewaltförmig. Im Gegensatz zu den alten Parteistrukturen schwingt bei der AN das Versprechen von „Action“, Kampf, Gewalt und Angstverbreitung mit. Anfängliche Forderungen nach einem „Nationalen Schwarzen Block“ und einer gezielten Anti-Antifa Arbeit, werden heute durch weitere Aktionsformen ergänzt: „Relativ kurzfristig, oft zu aktuellen Anlässen organisierten Veranstaltungen reichen von der Verteilung von Flugblättern oder Mahnwachen bis hin zu Spontandemonstrationen, Störungen missliebiger Veranstaltungen, Gegendemonstrationen, aber auch ‚Solidaritätspartys'", weiß Schedler zu berichten. Direkte Aktionen, wie die symbolische Besetzung von Häusern gehören genauso zur Praxis, wie das Sprühen von Graffitis. Durch die offensive Nutzung des Internets, in dem die AN ihre Aktionen selbst dokumentieren, kann ein relativ kleiner Kreis von AN viel Außenwirkung erzielen. Durch eine weniger normierte und stark subkulturell geprägte Lebensform, wurde ein erleichterter Einstieg in die Szene geschaffen, der vor allem junge Neonazis anspricht.

AN‘s provozieren nicht nur das antifaschistische Spektrum, aus dessen Repertoire sie sich bedienen. Mit ihrer Adaption linker Symbole und Lebensstile setzen sie sich bewusst auch von Neonazis aus dem „Kameradschaftsspektrum“ und der NPD ab. Über dieses angespannte Verhältnis weiß Tomas Sager zu berichten. Die Hassliebe geht soweit, dass sich Veranstalter neonazistischer Demonstrationen im Vorfeld genötigt sehen zu verkünden, dass „Abzeichen des linken Revolutionsführers ‚Che‘ oder des KPD-Führers Ernst Thälmann“ nicht erwünscht seien.

Modernisierung oder zurück in die Zukunft?

Die öffentliche Irritationen und mediale Resonanz haben die Popularität der AN in den vergangenen Jahren gesteigert. Zu den größten jährlichen Treffen gehören der „Antikriegstag“ in Dortmund, und auch beim Aufmarsch in Stolberg bilden AN „Schwarze Blöcke“. Von den rund 5.000 gewaltbereiten Neonazis, die der Verfassungsschutz zählt, werden etwa 800 den AN zugeordnet. Dass die Übernahme von Codes und Symbolen der politischen Linken kein gar nicht mal so neues Phänomen ist, darauf verweisen Daniel Schmidt und Karin Priester in ihren Beiträgen. Gewaltpraxis und Gewaltkultur in der SA oder Ästhetik und Propaganda im italienischen Faschismus werden erkenntnisreich mit der heutigen Strategie der AN in Beziehung gesetzt. Zwar übernehmen AN Symbole, aber die Verknüpfung oder der Anschluss an die rassistische und völkische Ideologie gelingt ihnen nicht. Vielmehr irritieren die AN das eigene Umfeld.

Das „anything goes“ der AN verpasst neonazistischen Gedanken einen modernen Anstrich, führt aber auch zu einer Entpolitisierung innerhalb der Szene. Exemplarisch für die Widersprüchlichkeit von Lebensstil und Ideologie der AN betrachten Eike Sanders und Ulli Jentsch die Szene unter Gender-Aspekten: „Das hier und da doch Räume für die Selbstverwirklichung von einigen wenigen neonazistischen Frauen frei geworden oder erkämpft worden sind, darf nicht über die vorherrschende Ideologie im Subtext, die absolute Unterrepräsentation von Frauen, das sexistische Mackerverhalten der AN, die männliche Straßenkampf-Ästhetik und die Ausgrenzung der ‚Autonomen Nationalistinnen‘ innerhalb der eigenen Strukturen hinwegtäuschen.“

Die anhaltenden Auseinandersetzungen haben Spuren hinterlassen. Unter der Bezeichnung AN finden sich derzeit verschiedene Personen wieder, von einem einheitlichen Konzept kann keine Rede sein. Die Grenzen zum „Kameradschaftsspektrum“ sind fließend. Und Jan Schedler sieht den Höhepunkt der AN derzeit sogar überschritten.

Was tun gegen AN?

Der Sammelband bietet einen längst überfälligen bunten Strauß unterschiedlicher Beiträge rund um die AN. Klar strukturiert bietet er gleichermaßen für Expertinnen und Experten, als auch für die interessierte Leserin und den interessierten Leser ohne theoretischen Hintergrund einen sehr guten und informativen Überblick. Wer sich nicht von den zum Teil sehr langatmige Passagen, Dopplungen zwischen einzelnen Texten, Abschnitten mit äußerst dünnem Informationsgehalt oder unklarem Bezug zum Thema AN abschrecken lässt, dem offenbart sich eine umfangreiche Diskussionsgrundlage. Diskussionen, die helfen können Strategien zu entwickeln, um adäquat auf die AN zu reagieren. Denn diese werden dringend benötigt: mit einfachen Verboten, wird sich das Problem jedenfalls nicht aus der Welt schaffen lassen. Die Zivilgesellschaft wird in Zukunft stärker gefordert sein. Ob der Höhepunkt der AN, wie es einigen Beiträgen anklingt, bereits überschritten ist, wird nicht zuletzt auch davon abhängen, welche Gegenstrategien zur AN gefunden werden.

Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung, herausgegeben von Jan Schedler und Alexander Häusler, VS Verlag (Wiesbaden), 328 S., 2011

Foto: Autonome Nationalisten in Dortmund, Friedrich Krafft, c

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Christian Spiegelberg promoviert an der Philipps-Universität Marburg zum Thema „Was bringen Verbote rechtsextremer Organisationen zur Bekämpfung des Neonazismus?".
 

Was bringen Vereinsverbote?