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Mutmacher

Torgau: Ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte wird aufgedeckt

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Ein Blick in die Ausstellung "Auf Biegen und Brechen" der "Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau"


Nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2008: die "Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau" e.V. Mit seiner Ausstellung „Auf Biegen und Brechen“ dokumentiert der Verein die Geschichte der einzigen geschlossenen Disziplinierungseinrichtung der DDR.


Von Jan Schwab


„Torgau hat mir meine Kindheit weggenommen – und die kann dir niemand mehr zurückgeben“. Diese Worte stammen von Andreas Freund, der Anfang der achtziger Jahre 13 Monate lang Insasse im Geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau war. Der heute 43-Jährige ist Frührentner, die Zeit in Torgau hat ihn schwer traumatisiert. Bis heute ist er in psychotherapeutischer Behandlung.

Torgau – das bedeutete für mehrere tausend Jugendliche Gefängnis ohne Gerichtsverfahren, häufig sogar ohne juristisch relevanten Anlass. Der Jugendwerkhof in Torgau war die einzige geschlossene Einrichtung für Jugendliche in der DDR und stellte innnerhalb des Jugendhilfesystems der DDR die Endstation dar. Offiziell wurden hier schwer erziehbare Jugendliche untergebracht, doch der Begriff wurde dabei in seiner Bedeutung erheblich ausgeweitet: „schwer erziehbar“ konnte zum Beispiel auch heißen, dass ein Jugendlicher sich systemkritisch äußerte oder sich nicht den vom System vorgegebenen Normen und Regeln beugen wollte.

Über die Heimerziehung in der SED-Diktatur und die menschenrechtswidrigen Zustände in den entsprechenden Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen der DDR ist bis heute wenig bekannt. An keinem historischen Ort der Spezialheime hat bisher eine Dokumentation oder Aufarbeitung stattgefunden. Mit einer Ausnahme: der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau (GJWH), der innerhalb des Jugendhilfesystems der DDR eine Sonderstellung einnahm, und der exemplarisch für die repressive Seite des DDR-Erziehungssystems steht. In den GJWH wurden von 1964 bis 1989 über 5.000 Jugendliche wegen Disziplinarverstößen in anderen Heimen eingewiesen, die Lebensbedingungen waren durchaus vergleichbar mit denen in Gefängnissen.

Wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Diese dunkle Seite des DDR-Jugendhilfesystems bringt der Verein „Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ ans Licht. Seit 1998 engagiert sich der Verein für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des GJWH und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, nicht nur in der Region Torgau-Oschatz, sondern auch sachsen- und bundesweit. Durch viel ehrenamtliches Engagement entstand eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte, die einerseits als Gedenkort für die Schicksale der ehemaligen Häftlinge dient, andererseits als historische Bildungsstätte für Jugendliche, die sich aufgrund ihres Alters besonders mit den inhaftierten Personen identifizieren können.

Derzeit existiert eine Daueraustellung („Auf Biegen und Brechen“) zur Dokumentation der Geschichte des Geschlossenen Jugendwerkhofs. Die Begegnungsstätte bietet Führungen an, organisiert Zeitzeugengespräche, entwickelt Spielfilmanalysen und Projekttage. Zudem dient ein Zeitzeugenbüro den Opfern als Ort der Begegnung und Aufarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse. Die Bürgermeisterin der Stadt Torgau Andrea Staude hat den Verein für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie vorgeschlagen und würdigt die Begegnungsstätte als einen „Ort des historisch-politischen Lernens, der auf die Achtung von Menschenwürde und Individualität und schließlich auf demokratische Umgangsformen verweist“.

Gefängnisähnliche Zustände

Die ersten Jugendwerkhöfe entstanden Anfang der 1950er Jahre. Feste Kriterien für eine Einweisung gab es nicht; besonders schwer erziehbare Jugendliche waren ebenso unter den Insassen wie solche, die unbequeme Meinungen äußerten und sich mit Worten gegen das DDR-Regime auflehnten. Oder junge Menschen wie Andreas Freund, die die Enge und das Eingesperrtsein in einer Diktatur nicht mehr aushielten. Freund stammt aus dem Harz, mit zwölf haute er zum ersten Mal von zu Hause ab und versuchte, nach Westdeutschland zu fliehen. 1982, im Alter von sechzehn, wurde er in einen Jugendwerkhof im thüringischen Hummelshain eingewiesen, ein Jahr später kam er nach Torgau. Seine Erlebnisse dort sollten sein gesamtes weiteres Leben prägen. In einem Dokumentarfilm über die Jugendwerkhöfe („Tabu in der DDR“ von Katarina Schickling) berichtete Freund über die gefängnisähnlichen Zustände, psychische und physische Gewalt gegenüber den Insassen und über den Selbstmordversuch eines Zellennachbarn, dem der Tod besser erschien als jeder weitere Tag in Torgau.

Von offizieller Seite her galten die Jugendwerkhöfe als Chance für junge Menschen, sich wieder in das Kollektiv der sozialistischen Gesellschaft einzugliedern. So lautet der Titel eines 1968 erschienenen offiziellen Dokumentarfilmes über die Jugendwerkhöfe „Notwendige Lehrjahre“. Unnötig zu erwähnen, dass von Willkür und Gewalt darin keine Rede ist. Die Jugendwerkhöfe, und insbesondere der geschlossene in Torgau, waren in Wirklichkeit eine Maßnahme, um Jugendliche, die aus dem sozialistischen Kollektiv ausbrechen wollten, wieder auf den „richtigen Weg“ zu bringen, erklärt die ehemalige DDR-Jugendrichterin Claudia Große im Film „Tabu in der DDR“: „Sinn und Zweck war es, nicht die Individualität der Jugendlichen zu fördern, sondern im Gegenteil einen einheitlichen Stil durchzudrücken“. Und damit den Willen der jungen Menschen zu brechen.

Ausstellungserweiterung geplant

Die Daueraustellung in Torgau dokumentiert zwar die Geschichte des Geschlossenen Jugendwerkhofs, doch damit die Besucher die Funktion dieser Einrichtung verstehen und historisch einordnen können, plant die Initiativgruppe eine Ausstellungserweiterung auf das gesamte DDR-Jugendhilfesystem. Das bestehende Angebot soll um einen Bereich zur Geschichte, Struktur und Arbeitsweise der gesamten Spezialheime der DDR-Jugendhilfe ergänzt werden. Das Engagement der "Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ wäre jedenfalls definitiv einen Sächsischen Förderpreis für Demokratie wert, der am 9. November 2008 gemeinsam von der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden, der Freudenberg Stiftung, der Amadeu Antonio Stiftung und der Sächsischen Staatskanzlei vergeben wird.


Mehr Informationen unter: http://www.jugendwerkhof-torgau.de