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Reportagen

2013 waren wir alle vorne!

Tausende Menschen demonstrierten gegen den Naziaufmarsch und den Dresdener "Opfermythos" © Robert Damrau

„Kalt war’s. Aber erfolgreich!“ Als die MUT-Redaktion um Mitternacht wieder in Berlin eintraf, hielten sich Erschöpfung und Freude über die erfolgreichen Blockaden die Waage. Wie schon in den Jahren zuvor machten sich tausende Menschen am 13. Februar auf den Weg nach Dresden, um sich dem geschichtsrevisionistischen „Trauermarsch“ der Nazis in den Weg zu stellen.

Von Ulla Scharfenberg

Seit Jahren versuchen die Neonazis, den 13. Februar 1945, die Bombardierung der Stadt Dresden, für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Sie glorifizieren dabei einen „Opfermythos Dresden“, verdrehen die historische Wahrheit und verleumden die Opfer der NS-Zeit. Über 10 - 15 Jahre entwickelte sich das „Gedenken“ der Rechtsextremen zum zentralen Bezugs- und Treffpunkt alter und neuer Nazis und schließlich zum größten regelmäßigen Nazievent in Europa. Trauriger Höhepunkt war das Jahr 2009, als bis zu 7.000 oft gewaltbereite Nazis durch die Dresdner Innenstadt zogen und ihr menschenverachtendes Gedankengut verbreiten konnten.

Sinkende Mobilisierungskraft der Nazis

Von Teilnehmerzahlen in dieser Höhe waren die Nazis, die sich gestern auf den Weg in die Sächsische Landeshautstadt machten, weit entfernt. Höchstens 1.000 sind es gewesen, realistischer ist jedoch eine deutlich niedrigere Zahl: „Wenn sich die Zahl von 600-800 Nazis bestätigt, haben wir einen weiteren Erfolg erzielen können. Denn somit wären nochmal deutlich weniger Nazis nach Dresden gekommen, als erwartet“, sagt Silvio Lang, Sprecher vom Bündnis „Nazifrei! Dresden stellt sich quer“.


Das Motto des Tages: Dresden stellt sich quer!   © R. Damrau
 
Bereits im Vorjahr zeigten sich die Neonazis alles andere als zufrieden, ihre Mobilisierungskraft nimmt von Jahr zu Jahr ab. Das ist in erster Linie tausenden Demokratinnen und Demokraten zu verdanken, die sich mit lautem und kreativem Protest gegen den braunen Ungeist wehren. Die Taktik, verschiedene Punkte auf der möglichen Naziroute zu blockieren, hat sich in den vergangenen Jahren bewährt und war auch diesmal erfolgreich. Schon lange vor der offiziellen Ankunft der Nazis wurden Straßenecken und Plätze im erwarteten Aufmarschgebiet besetzt.

Nazis mit Dreadlocks

Ein zentraler Punkt war dabei der Hauptbahnhof: Schon um 17 Uhr kamen hier die ersten Rechtsextremen mit Zügen an und verließen die Bahnhofshalle am südlichen Ausgang.  Eingepfercht und unter den Augen einiger Polizisten warteten sie auf die Ankunft ihrer „Kameraden“. Auf der anderen Seite der Gitter stehend, bot sich ein unverstellter Blick auf die Frierenden, die sich gelangweilt die Beine in den Bauch standen. Dass die selbsternannten „Herrenmenschen“ seit geraumer Zeit keinen Wert mehr auf ein einheitliches Äußeres legen, ist nicht neu. Dennoch verwunderte es, „deutsche Mädchen“ mit schlumpfblauem Haar oder Männer mit Dreadlocks in der Menge zu entdecken. Na gut war ja auch Karneval.
 

Unschön! TeilnehmerInnen des Naziaufmarschs vor dem Hauptbahnhof   © R. Damrau
 
Menschenketten und Blockaden

Während sich etwa 10.000 Bürgerinnen und Bürger eine kilometerlange Menschenkette bildeten, um der Opfer der alliierten Bombenangriffe zu gedenken und gleichzeitig die Dresdner Altstadt vor den neuen Nazis zu schützen, harrten tausende Menschen in den Blockaden aus. So auch vor dem Hauptbahnhof. Etwa 1.500 Demokratinnen und Demokraten hielten sich vor dem Nordausgang des Bahnhofsgebäudes auf, als sich die Neonazis plötzlich in Bewegung setzten.

Völlig unverständliche Polizeitaktik

Was dann passierte, kam völlig unerwartet. Es ist nicht nachvollziehbar, was sich die Einsatzkräfte dabei gedacht haben, rund 500 Neonazis um den Bahnhof herumzuführen und ohne geschlossene Polizeikette direkt zu den Gegendemonstranten zu führen. Es scheint an ein Wunder zu grenzen, dass die beiden Gruppen nicht direkt aufeinander trafen. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Nazis von dieser plötzlichen Konfrontation überrascht waren. Zum Glück blieb die Gruppe der Nazigengerinnen und -gegner besonnen und blockierte gewaltfrei das Weitermarschieren des rechtsextremen Trupps. So stoppte der Zug nach wenigen Metern, Neonazis und Gegendemonstranten standen sich, getrennt nur durch eine einreihige Polizeikette unter der Gleisbrücke gegenüber. Aggressive Rufe der Nazis, wie „Hasta la Vista – Antifacista“ oder „Ob Ost, ob West, nieder mit der roten Pest“, wurden durch laute Sprechchöre der anderen übertönt. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte, die Situation war äußerst angespannt. Schneebälle flogen hin und her. Zahlreiche Nazis vermummten sich mit Kapuzen, Sonnenbrillen und Schals, sie warfen einige Feuerwerkskörper und andere Gegenstände. Einer wurde nicht müde, die Flagge des Deutschen Reichs zu schwenken.


Unter der Gleisbrücke am Hauptbahnhof standen sich Nazis und GegnerInnen direkt gegenüber © R. Damrau

Keinen Meter vorwärts

Die Polizei unternahm keinen Versuch, die Situation zu lösen, für die Nazis ging es keinen Meter vorwärts, die Blockade hielt. Nach einiger Zeit verließen einige der rechten Aufmarschierer den Kessel unter Brücke zurück zur Bahnhofssüdseite. Medieninformationen zufolge sollen sie von dort aus mit Polizeibussen zu einem anderen Aufmarschpunkt gebracht worden sein, dem Strehlener Bahnhof, von wo aus sie über die Tiergartenstraße Richtung Leneéplatz zogen. Dort war aber auch schnell wieder Schluss. Schon früher am Tag hatten Antifaschistinnen und Antifaschisten den Platz besetzt.

„Ihr könnt nach Hause fahren...“

Gegen 23 Uhr begleitete die Polizei die letzten Nazis zurück zum Bahnhof. Das Bündnis „Dresden Nazifrei“ bedankte sich auf Facebook bei den über 4.000 Gegendemonstrantinnen und -demonstranten: „Ihr habt mehr erreicht, als wir uns in unseren kühnsten Träumen vorgestellt hätten - die Nazis sind nicht mal in die Nähe ihres Aufmarschgebietes gekommen, konnten höchstens Luftlinie 500m vom Bahnhof weg. Fazit: Wir haben gesagt, wir blockieren. Und wir haben Wort gehalten. Wir haben Nazis blockiert! Wir haben ihnen den Aufmarschort am Sachsenplatz genommen, wir haben ihnen die Wege von den Bahnhöfen in die Stadt blockiert! 2013 waren wir alle vorne! Danke!“

Ein echter Erfolg für die Demokratie

Die Nazis zeigen sich am Tag nach dem misslungenen Aufmarsch zerknirscht. „In schamloser Weise hat gestern in Dresden wieder einmal eine politisch willfährige Polizeiführung mit dem kriminellen Bodensatz der Antifa paktiert, um das grundgesetzlich verankerte Recht volkstreuer Deutscher auf ein würdevolles Gedenken an die Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors zu verhindern“, meckert der NPD-Parteivorsitzende Holger Apfel in einer ersten Stellungnahme.
 

Trotz Schnee und Eis: zivilgesellschaftlicher Protest gegen den Naziaufmarsch © R. Damrau

Dresden hat es satt, von Nazis missbraucht zu werden. Zum Glück hat sich in den letzten Jahren das Erinnern an die Bombardierung der Stadt gewandelt. So wird heute nicht mehr unreflektiert der „deutschen Opfern“ gedacht. Es wird mittlerweile ausdrücklich daran erinnert, dass alles Leid im Zweiten Weltkrieg seinen Ursprung in Deutschland hatte. Auch die Menschenkette sei ein Symbol gegen die Vereinnahmung des Gedenkens durch „die braunen Enkel[n] und Urenkel[n] der Brandstifter von einst“, betonte gestern Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU).

Proteste auch gegen die „Sächsischen Verhältnisse“

Um dem Geschichtsrevisionismus entgegenzuwirken organisierte das Bündnis „Dresden Nazifrei“ deshalb zum zweiten Mal einen Mahngang unter dem Motto „Täterspuren suchen statt Opfermythen pflegen“, an dem sich dieses Jahr rund 4.000 Menschen beteiligten. Der Mahngang möchte gezielt die lokale historische Verstrickung Dresdens während der NS-Zeit sichtbar machen und ist gleichzeitig eine Demonstration gegen die Menschenfeindlichkeit der Nazis von heute.


Solidaritätsbekundungen mit Tim H.   © R. Damrau

Mit Transparenten und Schildern drückten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Mahngangs nicht nur ihre Ablehnung von Rechtsextremismus und Rassismus aus. Zahlreiche Plakate wandten sich auch gegen die „Sächsischen Verhältnisse“, die behördliche Repression gegen Nazigegner und Kriminalisierung des zivilgesellschaftlichen Protests. „Solidarität mit Tim H.“ war zu lesen und immer wieder die Losung „Kommt nach vorn“. *

Dass sich der Protest gegen Neonazis nicht einschüchtern lässt, haben tausende Menschen gestern eindrucksvoll bewiesen. Alle sind „nach vorne gekommen“ und haben deutlich gezeigt, dass auch in Zukunft mit friedlichem Widerstand zu rechnen ist, wann immer Nazis ihre menschenfeindliche Ideologie verbreiten wollen.

*Am 16. Januar 2013 verurteilte das Dresdner Amtsgericht Tim H. zu einer 22-monatigen Haftstrafe ohne Bewährung, weil dieser sich an den Blockaden des Dresdner Aufmarschs 2011 beteiligt hatte. Dem 36-Jährigen wird vorgeworfen, andere Menschen per Megafon mit den Worten „Kommt nach vorne!“ dazu aufgerufen zu haben, Polizeiketten zu durchbrechen. Beweise gibt es dafür nicht, das ist dem zuständigen Richter allerdings egal: „Was andere getan haben, müssen Sie sich mit anrechnen lassen“, erklärte Hans Hlavka. Das Skandalurteil sorgte für Fassungslosigkeit, vor allem vor dem Hintergrund, dass am gleichen Tag ein Urteil gegen die Neonazigruppe Sturm 34 bestätigt wurde: Den Nazis konnten schwere Körperverletzung und Sachbeschädigung nachgewiesen werden, trotzdem wurden lediglich Bewährungsstrafen ausgesprochen. Mehr dazu hier!
Reportage von Netz-gegen-Nazis.de lesen!