Sie sind hier

Exit

Der Feind liest mit...


Das Thema Internet wird auch für Neonazis relevant. Im Web 2.0, auf Blogs und in Foren tummeln sie sich. Über die Wichtigkeit des Internets sprach die Aussteigerorganisation EXIT mit Franka, die bis vor kurzen in der Neonazi-Szene aktiv vor.


EXIT: Ist das Internet ein wichtiges Medium für die Naziszene?

Natürlich ist es wichtig. In den letzten sechs Jahren hat sich 70 bis 80 Prozent der Vernetzung ins Internet verlagert. Wichtiger als die öffentliche NPD-Seite oder die sozialen Netzwerke sind die versteckten Foren, auf denen für Demonstrationen geworben wird. Es gibt sogar Kontaktbörsen von Neonazis. Dort bleibt man unter sich und kann sich austauschen. Darauf sollte man das Augenmerk richten.

EXIT: Und wie komme ich als außenstehende Person in solche Foren?

Wenn man an die Adresse von versteckten Foren herangekommen ist, braucht man bestimmte Zugangsdaten. Die User werden auch manchmal überprüft, ob sie auch wirklich in die Kreise gehören. Das heißt, man muss entweder einen Nachweis schicken, seine Telefonnummer oder seinen Wohnort preisgeben. Wenn man nicht sagen kann, mit welchen Kameradschaften man Kontakt hat, wird man nicht rein gelassen. Es gibt auch öffentliche Foren. Da kann man sich einfach anmelden.

EXIT: Und hält man sich in öffentlichen Foren dann zurück, weil der „Feind“ mitlesen könnte?

Ja, bei öffentlichen Foren, die eigentlich nur für Nazis sein sollten, wird man nichts bekanntgeben und sich auch nicht austauschen. Dazu wird auf geschlossene Foren verwiesen, in denen man sich erst einmal „outen“ muss. Kameradschaften haben unter sich eigene Foren und Webseiten, über die das Ganze läuft.

EXIT: Wenn man sich die Kommentare auf Altermedia oder Thiazi anschaut: wie werden die moderiert?

Das ist von Forum zu Forum verschieden. Es gibt neben dem Betreiber meist noch Administratoren und Moderatoren, die sich darum kümmern, Kommentare freizuschalten oder zu löschen. Wenn es öffentlich ist, schauen sie auch, ob es strafrechtlich relevant ist. Da kommt es aber auch darauf an, ob der Server im In- oder Ausland liegt.

EXIT: Das ist aber auch viel Arbeit, oder?

Ja, die meisten sind arbeitslos und sitzen dann den ganzen Tag vor dem PC. Da geht nichts nebenbei. Es gibt Demonstrationen und Internet. Die leben für die Sache und fühlen sich als würden sie unheimlich viel für ihr Deutschland machen. Bei Altermedia zum Beispiel müssen es mehr als drei Leute sein, damit es funktioniert.

EXIT: Und wie sieht es mit Anweisungen aus, wie Neonazis sich im Internet verhalten sollen?

Ich denke, damit wird einfach nur abgelenkt von der vorhandenen Vernetzung. Hinter den Kulissen kann man gerade mit dem Internet mehr machen und so lenkt man vom eigentlichen Fokus ab.

EXIT: Was ist mit Profilen bei den sozialen Netzwerken? Wie wird reagiert, wenn die gelöscht werden?


Dann macht man sich eben ein neues. Manche haben auch mehrere Profile und sind mit einem immer irgendwie online. Man fällt auch nicht immer gleich mit der Tür ins Haus und kleistert alles mit Hakenkreuzen zu. Es gibt natürlich Dumpfbacken, die das immer wieder tun. Aber es gibt auch die, die subtiler sind und sich an linken Gruppen oder der Polizei vorbeischleichen.

EXIT: Die Vernetzung hat durch das Internet zugenommen. Kann sich die Szene dadurch schneller mobilisieren?


Es könnte so funktionieren, aber dazu sind Nazis zu phlegmatisch. Man muss wochenlang anpreisen und mobilmachen, dann klappt es. Wenn man das nicht macht, sind vielleicht 30 Leute da. Aber mit dem Internet kann man auf Demonstrationen besser reagieren. Bei Blockaden oder Interventionen der Polizei kann man Informationen einfach abrufen, sich dann anders formieren oder woanders hingehen. Da wird sich die Rolle des Internets noch weiterentwickeln.

Das Interview führte Fabian Wichmann.

Foto: eurleif via Flickr, cc

Das Interview erschien zuerst in der Zeitung "Ermutigen" der Amadeu Antonio Stiftung.
 

Neonazis 2.0