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gegen Neonazis
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Der Rechtsextremismus-Experte und Gründer der Aussteiger-Initiative "Exit", Bernd Wagner, wirft der Politik vor, keine grundsätzliche Strategie im Kampf gegen Neonazis und rechtsextremes Gedankengut zu verfolgen. Wagner kritisiert besonders die kurzatmige Förderpolitik von Bund und Ländern. Projekte wie EXIT haben dort auf Dauer keine Chance. Aber gerade in dieser Szene kommt es auf den langen Atem an.
Von Holger Kulick
Bis zum Herbst 2000 musste in Deutschland jeder Rechtsextreme selbst sehen, wie er wieder aus der Szene herauskam, wenn er sich entschlossen hatte, dem menschenverachtenden rechtsextremen Lebensstil abzuschwören. Schwierig bei einer oft sektenähnlich organisierten Szene, die zumindest im Bereich der Kameradschaften ungern Mitakteure einfach frei gibt, sondern gerne Druck und Gewalt auf Aussteiger wie auf deren Familienangehörige ausübt. Um so wichtiger sind Initiativen, wie EXIT, wo Aussteiger Austeiger beteruen. Die Initiativewo gibt es seit 2000 - aber wie lange noch, ist offen. Denn der Staat fördert solche Projekte nur wenn sie "Pilotprojekt" sind.
Aussteiger können sich mittlerweile in der Bundesrepublik zwar auch an Ausstiegshelfer in den Verfassungsschutzämtern wenden, haben aber oft die Erfahrung gemacht, dort vorrangig nur abgeschöpft zu werden. Gerade deshalb bietet sich EXIT als staatsunabhängige Initiative an, entstanden nach einem schwedischen Vorbild. Kommt es zu einem Ausstieg, wird in der Regel darauf verzichtet, dies gleich mit Schlagzeilen zu verknüpfen. Denn ein ernsthafter Ausstieg aus solchen extrem ideologisch geprägten Zirkeln ist oft langwierig, da die Betroffenen beim Einstieg in die Szene oft viele menschliche Bindungen aufgeben. Ins rechstextreme Milieus steigen vor allem sozial und psychisch unstabile Personen im Altern von 12-15 Jahren ein, die dann dort ihren gesamten Freundeskreis aufbauen. Sich von ihm zu lösen, fällt besonders schwer. Rückfälle geschehen immer wieder – manchmal auch ausgelöst durch die Aussicht auf Jobs bei "alten Kameraden".
Kaum Rückfälle
So diente sich 2002 ein Berliner NPD-Mann und Kameradschaftsführer der Aussteigerhilfe EXIT an und hielt sogar Vorträge über seine angeblich ehemalige Szene. In die kehrte er allerdings 2007 wieder zurück, als Honorarkraft der NPD in Berlin-Marzahn, wo die NPD inzwischen in die Bezirksverordneten- versammlung eingezogen war.
Solche Rückfälle seien aber die Ausnahme, bekräftigen die Macher von EXIT, deren Initiative im Herbst 2000 mit Hilfe der stern-Aktion Mut-gegen-rechte-Gewalt entstand, um bundesweit nach dem Prinzip ''Hilfe zur Selbsthilfe Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szenen neue Perspektiven außerhalb ihres bisherigen Milieus zu entwickeln". Rund 400 Aussteiger wurden seitdem erfolgreich betreut. Federführend ist der ehemalige DDR-Kriminalist Bernd Wagner, an seiner Seite stand beim Aufbau ein ehemaliger Neonaziführer aus Ost-Berlin, Ingo Hasselbach, über dessen bewegtes Leben in der Rechtsaußen-Szene es seit 2001 auch einen Dokumentarfilm gibt - "Verlorene Söhne". Als der Streifen im Frühjahr 2001 uraufgeführt wurde, durfte Hasselbach auf Polizeianraten nicht zur Premiere kommen. Ehemalige Gesinnungsgenossen hatten mit Gewalt gedroht. Hasselbach glaubt dennoch an die Veränderbarkeit auch solcher Menschen, was die Gesellschaft dann auch respektieren sollte:
"Das Recht, sich zu verändern"
"Für mich hat jeder Mensch das Recht, sich zu verändern, und wenn jemand dabei ein wertvolles Mitglied einer Gesellschaft wird, dann soll er auch die damit verbundenen Chancen bekommen, sofern er sich klar von Vergehen distanziert und dafür gezahlt oder gebüßt hat. Ich habe jetzt viele harte Jahre hinter mir, mit allem, was man sich vorstellen kann, mit Bombendrohungen und Gerichtsverhandlungen, und denke schon, dass ich inzwischen einen Beitrag für diese Gesellschaft leiste", sagt Hasselbach.
Große Probleme, so Hasselbach, bestehen für Aussteiger nicht nur im Bereich ihrer Sicherheit sondern vor allem sozialen Integration. Einserseits werden sie von ihren alten Kameraden als "Verräterschweine" bedroht, andererseits leiden sie unter dem gesellschaftlichen Vorurteil, einmal Nazi - immer Nazi zu sein, was ihre berufliche Eingliederung beträchtlich erschwert.
Erfolgreiche Aussteiger sieht er in der Pflicht, auch anderen zu helfen, entweder auch auszusteigen oder gar nicht erst einzusteigen. "Ich habe versucht, dieser Szene den Nachwuchs abzuschneiden, damit da nicht noch mehr Jugendliche hineinrennen. Die gilt es aufzuklären, das ist für mich das Idealrezept. Es gibt eine gewisse Altersgruppe, die lässt sich noch erreichen, das sind die bis 18- oder 19-Jährigen. Danach wird es schwer''.
Hasselbach hat längst an einem anderen Ort in einem neuen Beruf Fuß gefasst, Bernd Wagner arbeitet aber auch ohne ihn nach den mit ihm entwickelten Kriterien weiter. Dazu gehören laut einer Broschüre von EXIT aus dem Jahr 2007 das Ziel: "Nicht nur einen äußerlichen Rückzug der Aussteigenden aus der rechtsextremen Szene zu bewirken, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Ideologie und den begangenen Taten." Ein zentraler Grundsatz lautet, dass die Initiative von dem Ausstiegswilligen ausgehen muss. Ergänzend werden auch Beratungen für eltern von Neonazis angeboten, wie sie ihren Kindern beim Ausstieg mithelfen können.
Das "Phasen-Modell" der Ausstiegshilfe
Aus den Erfahrungen von EXIT-Deutschland hat sich ein Fünf-Phasen-Modell herauskristallisiert, das sich aus Sicht der EXIT-Macher folgendermaßen definiert:
* In der Motivationsphase werden die Zweifel, die der Ausstiegswillige gegenüber dem Rechtsextremismus äußert, im Gespräch mit EXIT-MitarbeiterInnen hinterfragt und Möglichkeiten des Ausstiegs aufgezeigt.
* In der Ausstiegsphase beendet der Aussteigende den Kontakt zur rechtsextremen Szene. Abhängig von den spezifischen Umständen des Einzelfalles wird in diesem Zeitraum ein Sicherheitskonzept erarbeitet, um Racheakte und Verfolgungen zu vermeiden.
* In der Etablierungsphase sind soziale und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven zentral sowie die Suche nach einem Arbeitsplatz oder einer Ausbildungsstelle.
* In der Reflexionsphase sollen sich AussteigerInnen mit ihrer Vergangenheit, der von ihnen vertretenen Ideologie und den begangenen Taten auseinandersetzen.
* Für die Stabilisierungsphase wird nur noch von gelegentlichen Kontakten zu EXIT ausgegangen. Im Idealfall eines erfolgreichen Ausstiegs haben ehemalige Rechtsextreme zu diesem Zeitpunkt eine neue soziale Bezugsgruppe, sind wirtschaftlich abgesichert und vertreten humanistische Werte.
Kernpunkt und oftmals schwierigster Teil des Ausstiegskonzepts von EXIT ist die Auseinandersetzung des Aussteigenden mit der zuvor vertretenen rechtsextremen Ideologie. Hierbei geht es nicht um eine Belehrung durch die Mitarbeiter von EXIT. Vielmehr sollen die KlientInnen durch die Vermittlung von Faktenwissen, inhaltlichen Diskussionen und anderen Formen politischer Bildung dazu befähigt werden, rechtsextreme Ideologiefragmente kritisch zu reflektieren und ein eigenes humanistisches Weltbild zu entwickeln.
"Dieser Lernprozess stellt für viele Betroffene eine große Herausforderung dar. So führen der Zusammenbruch der alten Überzeugungen und Denkweisen und die Suche nach einer neuen Weltanschauung bei vielen AussteigerInnen zu Orientierungslosigkeit, Ängsten und Depressionen" warnt auch EXIT in einer Broschüre seine Aussteiger. Doch um genau dies aufzufangen, ist EXIT da, vorrangig ist aber die Devise: Hilfe wird nur zur Selbsthilfe erteilt.
Kaum Spenden für gesellschaftspolitische Projekte wie EXIT
Eine staatsunabhängige gesellschaftspolitische Initiative wie EXIT funktioniert freilich auch nur so lange, wie sie auch Spenden oder Zuschüsse für ihre Arbeit erhält. Doch gesellschaftspolitische Projekte wie EXIT zu unterstützen, hat in Deutschland keine Tradition, stellen die Akteure mit zunehmender Ernüchterung fest. In ihrer Not legten sich die EXIT-Macher mittlerweile sogar eine Bezahl-Telefonnummer zu. Unter 0900-123-123-88 können Interessierte die ''Nazi-Aussteiger-Hotline'' anrufen und zunächst auf ein Tonband sprechen. Nur ernstzunehmenden Aussteigern werden anschließend die Gebühren erstattet.
Doch all das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zuschüsse für die Arbeit gibt es zwar nach wie vor von der Berliner Amadeu Antonio Stiftung, der Freudenberg Stiftung in Weinheim und vom stern, aber um alle Unkosten abzudecken, wäre die Unterstützungdurch eins der staatlichen Förderprogramme unerlässlich. Die zieren sich aber - eben weil EXIT kein Modellprojekt mehr ist, aber nur solche können gefördert werden, und das maximal drei Jahre lang. EXIT ist aber acht. Bernd Wagner ist dementsprechend "stinkesauer" auf die staaliche Förderpraxis, die an Schreibtischen entschieden werde, ohne Kenntnis der Nöte vor Ort. Die Frage des Ausstiegs aus der Szene sei dort "komplett unterbelichtet". Im Zentrum des Kampfes gegen rechtsextreme Ideologien stehe in Deutschland der Versuch, den "Nährboden" für das rechte Gedankengut zu verringern. Aber niemand denke darüber nach, wie man offensiv an das "rechtsextreme Ideologie- und Aktionsfeld" herankommen und die Szene aufspalten könne.
Drei Mitarbeiter musste Wagner im Herbst schon entlassen, fünf sind noch da - zumindest bis Ende des Jahres. Und dann?
"Irgenwie, irgendwie weiter!", sagt Wagner: "Ja, weiter machen wir auf jeden Fall, Aufgeben ist nicht - auch wenn die Naziszene uns schon triumphierend totsagt". Etwa 50 ausstiegswillige Neonazis würden derzeit von EXIT betreut, die nächsten haben bereits angeklopft. "Diese Jugens lasse ich nicht im Stich", sagt Wagner. Er hofft darauf, dass sich doch noch viele neue Unterstützer finden, die EXIT sichern um weiterhin mit langem Atem Leute aus ihrer Verblendung in der Neonaziszene herauszuholen. Einer seiner Aussteiger hat gesagt: "Das war ein vergeudetes Leben". Genau dies jungen Leuten rechtzeitig begreiflich zu machen sei die eine Aufgabe, sagt Wagner. Die andere sei es, denen, die das zu spät begreifen und da raus wollen, "einen Ausweg zu weisen, in ein Leben, das sich lohnt". EXIT bietet dazu die Tür.
Ein EXIT-Gespräch mit Bernd Wagner im Deutschlandradio können Sie bis zum 23. März 2009 im Audio-on-Demand-Angebot des Deutschlandradio nachhören:
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2008/10/23/drk_20081023_1512_
7a006c09.mp3
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