Sie sind hier

Interview

Antirassismus heißt ein Leben lang Lernen

noah-quelle_-anatol-kotte-1-.jpg

Noah Sow, Foto: Anatol Kotte

Noah Sow ist Schriftstellerin, Sängerin, Medienkritikerin und Vorsitzende der ersten antirassistischen deutschen Media-Watch-Organisation „der braune mob e.V.“. 2008 erschien ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiß“, mit dem sie den Finger in die Wunde des unbewussten und alltäglichen Rassismus legt. Am 18. September 2009 erscheint das neue Album „OUT NOW!“ ihrer Band NOISEAUX. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit Rassismus.

 
Häufig werden Juden zu Antisemitismus- und Schwarze zu Rassismusexperten. Hätte dein sehr aufweckendes Buch auch ein Weißer schreiben können?
Noah Sow: ich denke es ist etwas anderes, ob man etwas theoretisch versucht zu verstehen wenn man lust dazu hat, oder ob man etwas analysiert womit man zwangsweise täglich konfrontiert ist. Die Perspektiven sind ganz unterschiedlich. Gehöre ich zu der Gruppe, die es nicht nötig hat, bestimmte Dinge zu bemerken, um überleben zu können, kann es gut passieren, dass mir einiges entgeht. Bücher von Weißen über Rassismus sind auch ein wertvoller Beitrag, sofern sie sich auf die Rolle weißer Menschen bei dieser Dynamik beziehen. Wenn die Mehrheitsgesellschaft sich mit ihren eigenen Handlungen, Ansichten und Traditionen auseinandersezt, ist das wichtig und spannend. Im Wissenschaftszweig „kritische Weißseinsforschung“ passiert das zum Beispiel.
 
Mit deinem Buch entlarvst du viele rassistische Einstellungen auch bei Menschen, die sich selbst als absolut antirassistisch verstehen. Welche Reaktionen hast du darauf erlebt?
Noah Sow: Meistens sehr gute. Menschen, die antirassistisch sind, sind ja froh darüber, wenn sie sich auf dem Gebiet fortbilden können. Wenn sie dann zum Beispiel durch mein Buch darauf aufmerksam werden, dass sie trotz ihrer Einstellung noch manche rassistische Überzeugungen oder Gewohnheiten haben, können sie diesen auf den Grund gehen und sie loswerden. Schwierig wird es nur, wenn einem das Aufrechterhalten eines bestimmten Selbstbildes wichtiger ist als antirassistische Aufklärung. Da wird es dann schon mal irrational.
 
Inwiefern beeinflusst Rassismus deine Arbeit als Künstlerin?
Noah Sow: Mit der Musikindustrie habe ich die Erfahrung gemacht, dass es öfter darum ging, ‚was’ ich darstellen sollte als darum wer ich eigentlich bin. Chauvinismus, Stereotypisierungen, wir können sehen, was Plattenfirmen gefällt, sobald wir mal drei Musikvideos schauen. Als Schwarze Frau bist du doppelt davon betroffen, dass du in bestimmte Schubladen zu passen hast. Durchaus auch hinter den Kulissen. Wenn du diese Schubladen auslachst oder ablehnst, stehen die Chancen gut, dass du Angst, Aggression, Mauern oder einfach nur Arbeitsverweigerung auslöst. Unter anderem deswegen bin ich meine eigene Labelchefin.
 

 

Foto: Anatol Kotte