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Interview

Der Nagelbombenanschlag: Den Betroffenen eine Stimme geben

Das Buch „Von Mauerfall bis Nagelbombe“ erscheint am 6. Juni auf Deutsch, die türkische Version folgt einige Tage später.

Bei Birlikte wird auch das Buch „Von Mauerfall bis Nagelbombe“ vorgestellt, dessen Herzstück zahlreiche Interviews mit Betroffenen des Keupstraßen-Anschlags bilden. Herausgegeben wird es von der Gruppe Dostluk Sineması und mit Hilfe der Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht. Im Interview erzählen zwei Gruppenmitglieder von ihren Erfahrungen, die sie bei der Entstehung des Buches gemacht haben Das Buch kann hier für 10 € bestellt werden.
 
Ihr habt im vergangenen Jahr unter dem Titel „Von Mauerfall bis Nagelbombe“ eine Film- und Veranstaltungsreihe in der Keupstraße organisiert. Nun ist unter dem gleichen Namen ein Buch erschienen – wie kam es dazu?
Vanessa Höse: Bei der Veranstaltungsreihe von Dostluk Sineması ging es uns darum, den Anschlag in der Keupstraße und alles, was danach passiert ist, mit Ereignissen aus der Vergangenheit in Verbindung zu setzen, um so eine Kontinuität des Rassismus in der Geschichte der Bundesrepublik aufzuzeigen. Dieses Konzept ist sehr gut aufgegangen und das Interesse bestand auch über unsere Reihe hinaus.

Ayla Güler Saied: Bei den Abenden in der Keupstraße kamen ja auch erstmalig die Betroffenen zu Wort. Uns ging es nun darum, wie man ihre Erzählungen bewahren kann. So sind wir schließlich auf die Idee für das Buch gekommen.

Wenn man das Buch liest, dann sind es auch tatsächlich die Interviews mit den Betroffenen, die einen am meisten beeindrucken. War es schwer, diese dazu zu bewegen, mitzumachen?
Ayla Güler Saied: Bei den Veranstaltungen mussten die Menschen vor anderen reden, das ist ohnehin eine Hürde, und dann kam noch dazu, dass es ein heikles und für viele sehr emotionales Thema ist. Aber Mitat (Mitat Özdemir), Kutlu (Kutlu Yurtseven, beide Dostluk Sineması) und ich sprechen Türkisch, was sehr geholfen hat, den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Zudem kenne ich die Keupstraße von klein auf, ich komme ja von hier, so dass das Vertrauensverhältnis von Anfang an ein anderes war.
Beim Buch war es dann leichter, die Betroffenen zu überzeugen – unter der Bedingung, dass ihre Namen anonymisiert werden. Allerdings haben einige auch gesagt, dass sie nicht retraumatisiert werden wollen. Das Sprechen über den Anschlag hat sie in die Zeit zurückversetzt. Und einmal bekamen wir auch die Sorge zu hören, ob es der Keupstraße nicht sogar schaden würde, wenn sie nun wieder mit dem Bombenattentat in Verbindung gebracht wird.

Vanessa Höse: Ich sehe außerdem eine Entwicklung. Anfang 2013 haben viele noch gesagt, dass der Anschlag für sie vorbei ist und sie nicht daran erinnert werden wollen. Inzwischen gibt es aber immer mehr Betroffene, die ihre Meinung geändert haben – vor allem, seitdem der NSU-Prozess in München begonnen hat. Sie wollen das Thema nun unter die Menschen bringen.

Ayla Güler Saied: Insgesamt bleiben die Meinungen aber zwiegespalten. Viele Betroffene haben einfach noch große Sorgen. Zudem sollte man betonen, dass die Menschen aus der Keupstraße natürlich schon vorher über den Anschlag gesprochen haben – zumindest untereinander, denn sonst hörte ihnen einfach niemand zu. Das Buch macht sie nun sichtbarer. Ich werde hier ganz deutlich: Jahrelang hat es einfach niemanden interessiert. Aber die Betroffenen waren schon vor unserem Buch oder auch der Veranstaltungsreihe Akteure.

Nun ist das Buch fertig geworden – welche Beiträge haben Euch selbst am meisten beeindruckt?
Ayla Güler Saied: Da ist sicher der Text von Heike Kleffner, der viele rechte Anschläge in Nordrhein-Westfalen aufzählt. Das war mir vorher nicht bewusst. Besonders beeindruckt hat mich allerdings eine Passage in einem Interview mit Hasan Y. Er sagt darin, dass er eher geglaubt hätte, dass ihm in Deutschland ein Flugzeug auf den Kopf fällt, als dass ein Bombenanschlag von Nazis verübt würde– diesen Anschlag hätte er sich nie im Leben vorstellen können.

Vanessa Höse: Ich musste auch direkt an den Text von Heike Kleffner denken – vor allem, weil Köln sich ja selbst immer als nazifreie Zone feiert. Ihr Beitrag macht deutlich, dass das ein Irrglaube ist. Ebenso beeindruckt hat mich das Interview mit Emmanuel Adu Agyeman, der als Flüchtling nach Hoyerswerda kam. Für das Gespräch ist er mit seiner Familie nach Köln gereist und hat uns mehrere Stunden von seinen Erfahrungen erzählt – das hätte selbst ein eigenes Buch füllen können.

Gibt es denn etwas, das sich wie ein roter Faden durch alle Betroffenen-Interviews zieht?
Ayla Güler Saied: Die Essenz aller Interviews ist das Gefühl „Die wollen uns hier nicht.“ Das fand ich sehr schlimm. Emotional kann ich mich hier nicht rausnehmen, denn ich habe ja auch Angst – es hätte mich ebenso treffen können. Im vergangenen Jahr war Frau Genç bei einer Veranstaltung in Köln, eine Überlebende des Brandanschlags von Solingen. Sie hat etwas sehr Positives an sich, was vielleicht daran liegt, dass sie damals in ihrer Trauer ernst genommen wurde. Ganz anders in der Keupstraße: Hier wurde sieben Jahre lang ein Klima der Verdächtigungen und des Misstrauens geschaffen.

Vanessa Höse: In München haben wir das Theaterstück „Urteile“ gesehen, das auf den Münchner NSU-Morden basiert. Ich war fast schon fassungslos, denn ich dachte mir: „Das ist wie in Köln!“ Hier wurden die Betroffenen genauso kriminalisiert.

Welche Erkenntnisse habt Ihr durch die Arbeit an dem Buch gewonnen?
Ayla Güler Saied: Schon 2006 fand in Kassel ein Schweigemarsch unter dem Titel „Kein 10. Opfer“ statt – also fünf Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU. Mit anderen Worten: Schon ein halbes Jahrzehnt vorher hatte die migrantische Community die richtigen Schlüsse gezogen! Und dennoch wurde in Richtung Mafia oder dergleichen ermittelt. Das kommt ja nicht von ungefähr, sondern passt zu dem gängigen Bild, das in Deutschland immer noch über Türken oder Muslime vorherrscht: Die haben mit Drogen zu tun, sind kriminell … An der Stelle steht wirklich jeder in der Verantwortung, auch und vor allem die Medien. Angesichts dessen kann ich die Verbitterung der Menschen verstehen.

Wen wollt Ihr nun mit dem Buch erreichen?
Ayla Güler Saied: Wir richten uns an alle. Das war auch ein Grund für die Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung, denn wir wollten eine Institution der Anti-Rassismus-Arbeit als Partner. Wir wollen Multiplikatoren ansprechen und über diese die Mitte der Gesellschaft erreichen – denn genau hier findet sich der Alltagsrassismus.
Das Thema ist auch nicht nur ein Thema von Migranten, sondern geht uns alle an. Ich halte gar nichts von einer Trennung zwischen Mehrheits- und Migrantengesellschaft.

Vanessa Höse: Umso wichtiger ist es für uns, dass das Buch auf Deutsch und auf Türkisch erscheint. Auf diese Weise können wir möglichst viele Menschen erreichen, nämlich auch diejenigen, die lieber oder besser auf Türkisch lesen. Zudem gibt es einen weiteren zentralen Gedanken: Alle, die seit den 1990er Jahren rassistische Anschläge miterlebt haben, können in dem Buch von den Geschichten und Erfahrungen anderer lesen. Wir hoffen so auf einen Charakter des Austauschs.

Ihr stellt das Buch nun auch im Rahmen von Birlikte vor – was ist Eure Hoffnung?
Vanessa Höse: Der zehnte Jahrestag des Anschlags wird emotional sehr aufgeladen sein, aber er bietet auch die Chance, den Anschlag und die Zusammenhänge dahinter zu thematisieren und in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hoffe also, dass viele Menschen da sein werden, die wir erreichen werden. Und das Kulturfest am 8.6. ist ein schöner Rahmen dafür.

Ayla Güler Saied: Das Publikum wird ja auch bunt gemischt sein – vielleicht sind darunter auch welche dabei, die hauptsächlich Spaß haben wollen, aber das Thema von Birlikte sensibilisiert grundsätzlich.

Welche Reaktionen würdet Ihr Euch auf Euer Buch wünschen?
Ayla Güler Saied: Dass man in Zukunft sensibler ist, wenn es um mörderischen Rassismus geht. Migranten sollten ernst genommen werden, indem man mit ihnen und nicht über sie redet. Und indem man sie als Experten für Alltagsrassismus sieht, denn das sind sie tatsächlich. Gleichzeitig sollte das Buch klar machen, dass es sich um ein Thema handelt, das uns alle betrifft. Das wäre der Anfang eines Weges, der noch sehr lang ist.

Vanessa Höse: Ich sehe die große Gefahr, dass mit dem NSU-Prozess alles abgehakt wird, dass der NSU als Einzelphänomen gesehen wird. Dabei zeigt das Buch, dass es eine Kontinuität von Rassismus bzw. Alltagsrassismus in der deutschen Geschichte gibt. Zudem bietet es eine Chance, dass den Betroffenen endlich zugehört wird …

Ayla Güler Saied: … und sie als gleichberechtigt wahrgenommen werden.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Service:

Das Buch erscheint am 6. Juni auf Deutsch, die türkische Version folgt einige Tage später. Beide Versionen sind jeweils gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 10 Euro erhältlich und können entweder direkt bei Dostluk Sineması in Köln abgeholt oder via Email an info@amadeu-antonio-stiftung.de (+ Versandkosten) bestellt werden.

Dostluk Sineması (Hrsg.):
Von Mauerfall bis Nagelbombe
Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre
128 Seiten
ISBN: 978-3-940878-16-8

Duvarın Yıkılışından Çivili Bombaya
1990′lı Yılların Irkçı Pogromları ve Saldırıları Bağlamında NSU’nun Köln Keupstrasse Saldırısı
120 Seiten
ISBN: 978-3-940878-19-9

Das Interview ist zuerst auf birlikte.info erschienen.